Die Notaufnahme des Elisabethen-Krankenhauses in Ravensburg: Hier kommen vermehrt nicht nur Patienten an, die wirklich schwer kr
Die Notaufnahme des Elisabethen-Krankenhauses in Ravensburg: Hier kommen vermehrt nicht nur Patienten an, die wirklich schwer krank oder echte Notfälle sind, sondern auch Menschen mit harmlosen Erkältungen, die beim niedergelassenen Arzt besser aufgeh (Foto: Felix Kästle)

Ein kurioser Trend hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen: Menschen, die sich krank oder unwohl fühlen, gehen nicht zu einem niedergelassenen Arzt, sondern in die Notaufnahme eines Krankenhauses.

Vor allem in den Abendstunden oder am Wochenende, wenn die Hausarztpraxen geschlossen sind, bevölkern Patienten mit teils harmlosen Wehwehchen wie Kopfschmerzen oder leichten Erkrankungen wie einer Erkältung die Notaufnahmen – und jammern dann über lange Wartezeiten. Sowohl die Ravensburger Oberschwabenklinik als auch das 14 Nothelfer in Weingarten kennen das Problem.

63 Prozent mehr Patienten innerhalb von zehn Jahren

Um 63 Prozent haben die Patientenzahlen in den Notaufnahmen des kommunalen Klinikverbundes der Oberschwabenklinik (OSK) zwischen 2006 und 2016 zugenommen, also durchschnittlich 6,3 Prozent jährlich. „Damit liegen wir in etwa im bundesdeutschen Schnitt von 5 Prozent“, sagt OSK-Geschäftsführer Sebastian Wolf. 55 000 Patienten suchten demnach 2016 eine der Notaufnahmen an den Krankenhäusern in Ravensburg, Wangen und Bad Waldsee auf.

Die meisten davon (34 500) am Elisabethen-Krankenhaus in Ravensburg. Tendenz steigend. Davon wurde allerdings nur ein Drittel tatsächlich stationär aufgenommen. Ein weiteres Drittel war immerhin so krank, dass eine schnelle medizinische Versorgung vonnöten war, obwohl die Patienten nicht im Krankenhaus bleiben mussten. Das letzte Drittel sind eben solche Patienten, die eigentlich bei ihrem Hausarzt genauso gut oder besser aufgehoben gewesen wären.

Vor allem jüngere Menschen machen sich dabei offenbar keine Gedanken darüber, dass sie mit ihrem Besuch in der Notaufnahme den Ärzten und Pflegekräften wertvolle Zeit rauben, die diese eigentlich für die echten Notfälle brauchen. Je älter hingegen der Patient, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er richtig am Platz ist, wenn er sich in die Notaufnahme begibt.

Da in der Notaufnahme nicht derjenige zuerst behandelt wird, der zuerst kommt, sondern über das sogenannte Triage-System die schwer Verletzten oder ernsthaft Kranken Vorrang haben und ein Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatient natürlich schneller dran kommt als jemand mit diffusen Bauchschmerzen, müssen die leicht Kranken zum Teil stundenlang warten, bis sie vom Arzt untersucht werden. Das sorgt dann noch für zusätzlichen Unmut, den einige dann wiederum am Personal auslassen.

Weingarten hat das gleiche Problem

Was viele immer noch nicht wissen: An den Krankenhäusern gibt es mittlerweile Notfallpraxen der Kassenärztlichen Vereinigung, wo niedergelassene Ärzte auch am Wochenende und an Feiertagen Patienten behandeln. Dort wären auch viele der nächtlichen Notaufnahme-Patienten besser aufgehoben, wenn sie bis zum nächsten Morgen warten würden.

Die überfüllten Notaufnahmen sind kein Problem, das nur die OSK betrifft. Auch am Krankenhaus 14 Nothelfer in Weingarten, das zum Klinikverbund Medizincampus Bodensee gehört, gibt es laut Pressesprecherin Susann Ganzert zunehmend „Menschen, die mit ihren Sorgen und Nöten ins Krankenhaus gehen, wenn die Arztpraxen zu sind“. Problem dabei: „Einige halten dann Ärzte und Pflegekräfte davon ab, sich um die schwer Kranken zu kümmern.“ Deshalb würden zumindest am Wochenende und an Feiertagen tagsüber die minderschweren Fälle gleich zur Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung weitergeschickt.

Aus Sicht der Krankenhäuser sind Patienten, die ohne dringenden Anlass in die Notaufnahme gehen, noch aus einem ganz anderen Grund ein Ärgernis: Der Unterhalt ist für die Krankenhausbetreiber extrem teuer, weil sie rund um die Uhr 365 Tage im Jahr Personal und eine aufwendige Apparatemedizin vorhalten müssen.

Pro Patient entstehe dort ein finanzieller Aufwand von 115 Euro, rechnet OSK-Geschäftsführer Sebastian Wolf vor, von denen die Krankenkassen derzeit nur 53 Euro vergüten.

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