Ömer Toprak hat keine Angst vor Lionel Messi

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Der aus Ravensburg stammende Fußballprofi Ömer Toprak hat sich auch bei Bayer Leverkusen durchgesetzt. (Foto: Bayer Leverkusen)
Schwäbische Zeitung

Für Ömer Toprak (22) war 2011 ein Topjahr. Der in Ravensburg geborene und aufgewachsene Fußballprofi schaffte den Sprung vom SC Freiburg zu Bayer 04 Leverkusen, spielte Champions League und für die türkische Nationalelf. SZ-Redakteur Alexander Tutschner unterhielt sich mit dem Fußballprofi über seine Karriere und die nächsten Ziele.

SZ: Im Dezember haben Sie eine Beckenprellung erlitten, wie geht es Ihnen heute?

Toprak: Gut, ich konnte wegen der Verletzung aber drei Wochen nicht trainieren und hatte deshalb Trainingsrückstand, den ich Schritt für Schritt aufholen muss. Ich muss auf das Becken immer noch aufpassen.

SZ: Sie haben in den ersten beiden Spielen der Rückrunde nur fünf Minuten gespielt, liegt es an der Verletzung?

Toprak: Klar, ich hatte Trainingsrückstand und die anderen Verteidiger hatten die Nase vorn. Damit habe ich aber gerechnet, weil ich eben mit einem schlechteren Fitnesszustand in die Vorbereitung gekommen bin. Mein Ziel ist es, so schnell wie möglich wieder in die Mannschaft zu kommen.

SZ: Vor einem Jahr haben Sie bei Freiburg auch die Vorbereitung zur Rückrunde verpasst, dann aber eine klasse Saison gespielt…

Toprak: Ja, damals konnte ich aber mehr für die Fitness arbeiten, da ich „nur“ an der Schulter verletzt war.

SZ: Dann haben Sie den großen Sprung nach Leverkusen geschafft, wie kam der Transfer zustande?

Toprak: Ich hatte schon länger einen losen Kontakt nach Leverkusen. Ich wurde beobachtet und offensichtlich für gut befunden. Für mich war es eine neue Herausforderung, da ich etwas anderes ausprobieren wollte.

SZ: Welchen Anteil hatte Bayer-Trainer Robin Dutt, der ja schon Ihr Trainer in Freiburg war?

Toprak: Ich hatte den Kontakt schon vorher, der Transfer hätte auch ohne ihn geklappt. Die beiden Wechsel hatten nichts miteinander zu tun.

SZ: Aber es ist bestimmt ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass der Trainer auf einen setzt?

Toprak: Ja, natürlich. Einerseits ist es ein Vorteil, dass er mich kennt. Aber andererseits gilt letztlich immer das Leistungsprinzip. Er kann nicht sagen, den Ömer kenne ich, der spielt jetzt. Auf diesem Niveau gibt es keine Gefälligkeitseinsätze.

SZ: Was sind denn die großen Unterschiede zwischen Freiburg und Bayer 04?

Toprak: In Freiburg ging es darum, die Klasse zu halten, unter diesem Ziel hat man sich auf die Gegner eingestellt. Hier sind die Ansprüche ganz andere, wir spielen vorne mit und da spielt man auch einen ganz anderen Fußball. Alles ist größer hier, auch der Druck. Die Rolle des Verteidigers ist eine andere, der öffnende Pass ist wichtiger und man muss dennoch gut stehen. Aber in Freiburg wurde auch guter Fußball gespielt.

SZ: Platz sechs mit 26 Punkten nach der Vorrunde war nicht das, was man sich bei Bayer erwartet hat…

Toprak: Definitiv nicht, das wissen alle im Verein. Wir haben keine gute Hinrunde gespielt. Unser Anspruch ist es, das jetzt aufzuholen.

SZ: 13 Einsätze, Durchschnittsnote 3,8 im Kicker, wie sieht die persönliche Bilanz aus?

Toprak: Okay, ich bin von einem kleinen Verein gekommen, mein vertrautes Umfeld war nicht mehr da, und ich habe dennoch gleich gespielt. Ohne die Verletzung hätte ich vielleicht alle Spiele gemacht. Das ist einerseits gut, aber von den Leistungen war es dennoch zu schwankend, ich habe einen anderen Anspruch an mich. Es ist mein Ziel, noch bessere Leistungen abzurufen und mich zu steigern. Es gibt Luft nach oben.

SZ: Gehört zu den Zielen auch mal ein Bundesligator?

Toprak: Für Freiburg habe ich viermal in der zweiten Liga getroffen, ein Bundesligator fehlt mir leider noch. Das wäre schön, aber Priorität eins ist als Verteidiger, dass man hinten gut steht. Aber ich hoffe natürlich darauf, dass demnächst mal einer vorne reingeht, vielleicht platzt der Knoten dann (lacht).

SZ: Mit den fünf Einsätzen in der Champions League wurde ein großer Traum wahr…

Toprak: Ja, jeder kleine Junge träumt von der Champions League. Für mich war das vor einem halben Jahr noch so weit weg, ich habe mir die Spiele dienstags und mittwochs im Fernsehen angeschaut, jetzt bin ich selbst dabei, das ist unglaublich. Wir haben in der europäischen Königsklasse besser gespielt als in der Bundesliga. In einer Gruppe mit Chelsea und Valencia weiterzukommen, das zeigt unsere Klasse. Ich habe mich auf jedes Spiel riesig gefreut. Der Höhepunkt war sicher das 2:1 gegen Chelsea zu Hause, als wir das Spiel gedreht haben und den Achtelfinaleinzug klargemacht haben.

SZ: Mit dem FC Barcelona hat Bayer jetzt ein Hammerlos erwischt…

Toprak: Ja, wir freuen uns auf dieses Spiel. Barcelona ist die beste Mannschaft der Welt momentan, aber wir wissen auch, dass wir noch einige andere Spiele zuvor haben. Wir konzentrieren uns jetzt erst einmal auf die Bundesliga.

SZ: Haben Sie schon Bammel vor Lionel Messi?

Toprak: Nein, mit Angst darf man in das Spiel nicht reingehen, dann hat man schon verloren. Uns ist klar, dass es sehr, sehr schwierig wird gegen den FC Barcelona. Aber wir müssen Mut haben und versuchen, Fußball zu spielen. Wir sind Außenseiter, aber im Fußball weiß man nie…

SZ: Konnten Sie schon von der Erfahrung eines Michael Ballack profitieren?

Toprak: Natürlich, er hat 98 Länderspiele und jede Menge internationale Erfahrung. Seine Präsenz und die Erfahrung sind wichtig, aber es ist ja nicht nur er bei Bayer, auch Spieler wie Manuel Friedrich haben international gespielt. Auch unser Co-Trainer Damir Buric ist für mich sehr wichtig.

SZ: Nervt Sie die Diskussion um die Rolle von Michael Ballack?

Toprak: Nein, wir wissen ja intern, wie die Sache läuft. Die Unruhe wird mehr von außen hineingetragen. Als Profi muss man unabhängig davon akribisch arbeiten. Außerdem lese ich keine Zeitung, das habe ich mir damals nach meinem Unfall abgewöhnt. (Anm. d. Red.: Toprak erlitt bei einem Kart-Unfall schwere Verbrennungen, seine Karriere stand auf der Kippe).

SZ: Mittlerweile haben Sie sich dafür entschieden, nicht für Deutschland, sondern für die Türkei zu spielen, was waren Ihre Beweggründe?

Toprak: Ich habe das Thema mit meinem vertrauten Umfeld besprochen, ich habe jahrelang darüber nachgedacht. Ich hatte die Idee, für die Türkei zu spielen, immer im Hinterkopf. Jetzt war ich dreimal dabei und bin glücklich über meine Entscheidung. Ich fühle mich sehr wohl bei der Mannschaft, auch wenn wir die WM-Teilnahme verpasst haben.

SZ: Waren Sie überrascht, dass Ihre Entscheidung so viel Staub aufgewirbelt hat?

Toprak: Nein, mir war klar, dass man es nie allen recht machen kann. Ich kann es nur mir selbst recht machen, es zählt in dieser Sache nur, was ich denke und ich muss mit den Konsequenzen leben. Ich kann verstehen, dass manche Leute enttäuscht sind, aber man muss auch sehen, dass ich eigentlich nur drei Spiele für den DFB gemacht habe bei der U 19-EM. Ich habe nicht alle Jugendteams durchlaufen wie andere. Ich habe meine Ausbildung beim SC Freiburg erhalten, diesem Verein bin ich dankbar.

SZ: Wie war das erste Länderspiel gegen Kroatien?

Toprak: Es war für mich natürlich etwas einfacher zu spielen, da wir mit dem 0:3 aus dem Hinspiel in Sachen WM-Qualifikation eigentlich nichts mehr zu verlieren hatten. Aber es war natürlich etwas Besonderes, wenn man die Hymne hört, das Kribbeln war stärker, das hat mich schon stolz gemacht. Meine ganze Familie hat das Spiel zu Hause in Ravensburg im Fernsehen angeschaut.

SZ: Sieht man Sie ab und an in Ravensburg?

Toprak: Ich war nach meinem Urlaub nur zwei Tage in Ravensburg, dann musste ich wieder nach Leverkusen. Während meiner Zeit in Freiburg konnte ich wegen der geringeren Entfernung öfters da sein.

SZ: Sie waren der erste Spieler, der über eine Kooperation vom FV Ravensburg zum SC Freiburg wechselte, war das das entscheidende Sprungbrett?

Toprak: Für mich war es ein Glücksfall, dass ich in Freiburg ins Internat kam, dort die Schule machen konnte und die sportliche Ausbildung bekam. Ich bin in Freiburg Profi geworden, dort zur Nationalmannschaft und letztlich nach Leverkusen gekommen, deshalb bin ich dem Sportclub sehr dankbar. Wie es ohne die Kooperation gelaufen wäre, weiß man natürlich nicht.

SZ: Welche Ziele haben Sie für 2012?

Toprak: Ich möchte mit Bayer Leverkusen und der türkischen Nationalmannschaft erfolgreich sein. So viele Spiele machen wie möglich, sportlich weiterkommen und besser werden, vor allem aber gesund bleiben.

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