SPD-Urgesteine im Stammbaum

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Kürzlich feierte Wolfgang Scherm seinen 86. Geburtstag. Trotz seiner familiären Verbindungen zur SPD, liebäugelte der Oberzelle
Kürzlich feierte Wolfgang Scherm seinen 86. Geburtstag. Trotz seiner familiären Verbindungen zur SPD, liebäugelte der Oberzelle (Foto: Dominik Scholz)
Schwäbische Zeitung
Peter Engelhardt

Er selbst ist zwar nicht Mitglied der mit Abstand ältesten deutschen Partei, sympathisiert jedoch mit ihr und kann auf einen Stammbaum verweisen, der es – sozialdemokratisch betrachtet - in sich hat: Zu Wolfgang Scherms engen Verwandten gehören Ignaz und Erhard Auer, die in der Geschichte der SPD herausragende Rollen spielten.

Beide Urgesteine der über 150 Jahre alten SPD hat der heute 86-Jährige, seit Langem in Oberzell lebende Scherm nicht mehr persönlich gekannt. Ignaz Auer, 1846 in Dommelstadl bei Passau geboren, war schon 1907 gestorben, dessen 1874 geborener Enkel Erhard im März 1945.

Dass der 1929 in Degerloch geborene Wolfgang Scherm gleichwohl einiges über seine beiden Vorfahren zu berichten weiß, hat er seiner Mutter Emmy zu verdanken, der Tochter von Ignaz Auer. Dieser – ein in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsener Hirtenjunge – landete nach einer Sattlerlehre und einigen Wanderjahren in der Politik. Die SDAP, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, übertrug dem 26-jährigen Burschen aus Bayern 1874 den Posten des Sekretärs des Parteiausschusses in Hamburg, Auer hatte Agitationsarbeit für die Partei zu leisten. Von 1877 bis 1906 saß er mit Unterbrechungen im Reichstag.

Welche Bedeutung kompetente Persönlichkeiten Ignaz Auer beigemessen haben, lässt sich beispielsweise den Jugenderinnerungen des ersten deutschen Bundespräsidenten, Theodor Heuss, entnehmen: „Dass er, frühe leidend, bereits 1907 starb, ist vielleicht – ich sage mit Bedacht: vielleicht – für die sozialistische Bewegung der schwerste Verlust gewesen.“

Angst vor dem Naziterror

Auch Wolfgangs Mutter Emmy – Parteimitglied bis zur Auflösung der Partei 1933 durch die Nationalsozialisten – fühlte sich im sozialdemokratischen Gedankengut ihr Leben lang zu Hause. Sohn Wolfgang ist der SPD nach deren Wiedergründung im Oktober 1945 nicht beigetreten. Dass er zeitweise auch mit der FDP geliebäugelt hat, führt Scherm auf eine lange Phase seines Berufslebens zurück: „Als Geschäftsführer der Innungskrankenkasse IKK in Ravensburg hatte ich stets mit vielen Handwerksmeistern zu tun.“ Mit der FDP des Jahres 2015 allerdings hat er nichts mehr am Hut. „Nicht mehr interessant, diese Partei“, meint Scherm und bescheinigt dagegen der SPD der Gegenwart, durchaus wählbar zu sein. Scherm ist verwitwet, hat zwei Töchter und zwei Enkel und hat kürzlich seinen 86. Geburtstag gefeiert.

Wie wurde im Hause Scherm angesichts der prominenten Verwandten über Politik gesprochen? Nur wenig, erinnert sich Wolfgang Scherm, die Angst vor dem Naziterror habe politisches Tun erstickt. „O Bua, sei ruhig, schwätz nix“, hat die Mutter immer wieder gesagt. Vater Johannes Scherm war im Übrigen kein Mitglied der SPD, weigerte sich andererseits jedoch, Mitglied der NSDAP zu werden. In Erinnerung ist Scherm auch geblieben, als er im März 1945, damals 15 Jahre alt, zum Reichsarbeitsdienst nach Freudenstadt geschickt und an der Wache für sein Zuspätkommen „verseggelt“ worden war. Die Frage des Wachmannes nach dem Warum kommentierte der junge Scherm so: „Des miaßet se dia Bomberflieger froga.“

Doch auch der politische Lebensweg seines anderen Vorfahren kann sich sehen lassen: Erhard Auer, Neffe von Ignaz Auer, hatte in der bayerischen Politik zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eine herausragende Rolle gespielt. 1907 wurde er für die SPD in den Landtag gewählt, gegen Ende des ersten Weltkrieges rückte er an die Spitze der bayerischen SPD. Ganz nach oben gelangte Erhard Auer danach: In der Revolutionsregierung von Kurt Eisner (USPD) bekleidete er das Amt des Innenministers. Auer wurde bei einem Attentat schwer verletzt und so um die Chance gebracht, erster SPD-Ministerpräsident im republikanischen Bayern zu werden, wie es in einem Buch von Markus Schmalzl über Erhard Auer heißt. Von 1920 bis 1933 führte Erhard Auer als Landtagsvizepräsident einen (Schmalzl zufolge) „entschlossenen Kampf gegen die extreme Linke und Rechte“ Er kam 1944 ins Konzentrationslager Dachau und starb am 20. März 1945 bei seiner Verlegung nach Giengen an der Brenz.

Doch auch Scherms Großvater väterlicherseits, Johann Scherm, ein Gewerkschaftssekretär, hatte es in der Politik weit gebracht: Er war ab 1893 in der sozialdemokratischen Fraktion im bayerischen Landtag.

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