Zwischen Frust und Hoffnung

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Eine Abschlussbilanz mit gemischten Gefühlen: Michael Lindauer, Leonie Döring und Jochen Narr (von links) haben in den vergange
Eine Abschlussbilanz mit gemischten Gefühlen: Michael Lindauer, Leonie Döring und Jochen Narr (von links) haben in den vergangenen zweieinhalb Jahren unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit sehr unterschiedlichen Perspektiven betreut. (Foto: heb)
Redaktionsleiter

19 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind in den vergangenen zweieinhalb Jahren von der Stiftung St. Anna in Leutkirch betreut worden. Ende Juli wird die dank der Unterstützung durch die katholische Kirchengemeinde im Vincentius-Haus möglich gewordene Wohngruppe aufgelöst. Denn auch das gehört zur so heiß diskutierten Debatte um Asylfragen. Es kommen viel weniger Flüchtlinge als noch Ende 2015 ins Land. Die letzten zwei Jugendlichen, die noch nicht volljährig sind und betreut werden müssen, bringt St. Anna in anderen Wohngruppen unter.

Die Sozialpädagogin Leonie Döring, die zuletzt das Projekt „Kompaß“ geleitet hat, spricht im Abschlussgespräch mit Michael Lindauer, dem Leiter der Stiftung in Leutkirch, und dem für die Wohngruppen verantwortlichen Pädagogen Jochen Narr subjektiv von einer „großen Ungerechtigkeit“. Letztlich hätten bei allen Entscheidungen über den Bleibestatus, die sich direkt auf das Klima in der Wohngruppe auswirkten, individuelle Bewertungen und die Bereitschaft der Jugendlichen zur Integration im Zielland ihrer Flucht nicht gezählt. „Es ging nur nach dem Herkunftsland.“ Sicher oder unsicher? Das war die Frage.

„Eine Art von Rammbock“

So trafen im Laufe der Zeit zwei sehr unterschiedliche Verhaltensweisen aufeinander. Auch wenn Vereinfachungen in der von vielen Vorbehalten und Unterstellungen geprägten politischen Diskussion gefährlich sind: Leonie Döring und die Verantwortlichen mussten sich auf zwei Konfliktebenen einstellen. „Das Team war auch eine Art von Rammbock“, sagt Leonie Döring. Hier Frust, da Hoffnung.

In der Wohngruppe wurden Jugendliche aus afrikanischen Ländern betreut. Diese seien hochmotiviert in der Hoffnung nach Deutschland gelangt, Arbeit und eine Perspektive zu finden, um den Nöten in ihrer Heimat zu entkommen. Sie hätten sich, trotz unterschiedlicher Begabungen, intensiv darum bemüht, die Sprache zu lernen und auf die Schule zu gehen. Die ersten Bescheide, darüber, dass keine Aussicht auf ein Bleiberecht auf Dauer bestehe, habe vielen einen herben Dämpfer versetzt.

Für die zweite Gruppe der Betreuten galt anfangs eine andere Ausgangslage. Natürlich hätten es die Neuankömmlinge aus Syrien oder aus dem Irak geschätzt, in einem sicheren Umfeld ihre schlimmen Erlebnisse verarbeiten zu können. Früh sei klar gewesen, dass eine Bleibeperspektive bestehe. Die individuellen Pläne der Jugendlichen zielten zunächst jedoch in eine andere Richtung. Sie wollten demnach nicht auf Dauer in Europa bleiben. „Der Wunsch nach einer schnellen Rückkehr stand klar im Vordergrund“, sagt Narr. Erst mit Verzögerung habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, angesichts der unüberschaubaren Wirren der Kriegszustände diesen nicht umsetzen zu können.

So mussten Leonie Döring und die anderen Betreuerinnen und Betreuer vermitteln und erklären, unterschiedliche Ethnien und Religionen eingeschlossen – und das bei Jugendlichen. Göring spricht davon, dass die durch ihren Werdegang und durch ihren schwierigen Weg nach Deutschland geprägten Schützlinge aus den Kriegsgebieten „ein Stück weit Kind sein wollten“. Sie spricht von der Zerrissenheit, im sicheren Deutschland zu sein, während in der Heimat Krieg geführt werde. Oder weil dort, bezogen auf die zweite Gruppe, bittere Armut herrsche. Im häufig so propagierten Jargon von Populisten geht es dann um die Kritik an Wirtschaftsflüchtlingen, die nicht unter das Asylrecht des deutschen Grundgesetzes fielen.

„Auch in Zukunft Partner sein“

„Es war eine sehr herausfordernde Arbeit“, sagt Jochen Narr. „Wir haben situativ gearbeitet, wir wollten zeigen, dass wir die Jugendlichen nicht allein lassen“, sagt Leonie Döring. Dabei soll es nicht bleiben. Michael Lindauer ergänzt: „Wir müssen auch in Zukunft Partner für die von uns betreuten Mitmenschen sein.“ Die einen seien dankbar dafür, aber auch die Herausforderung, als caritative Einrichtung die aktuellen Vorgaben der Politik nicht aushebeln zu können, müsse im Miteinander besprochen werden. Bei dieser Analyse fallen die Namen Horst Seehofer oder Markus Söder nicht, die zuletzt als Vertreter der CSU für Alternativen kämpften, den Zuzug von Flüchtlingen trotz stark sinkender Zahlen zu begrenzen.

Die Stiftung St. Anna in Leutkirch hat sich als Einrichtung früh der Aufgabe gestellt, für den Landkreis in der Jugendbetreuung Aufgaben zu übernehmen. „Das war ein Haufen an Arbeit“, sagt Michael Lindauer. Das habe die Stiftung gerne aus christlicher Verantwortung heraus gestemmt. „Wir hätten auch gerne weitergemacht.“ Aktuell sieht sich der Landkreis allerdings in der Lage, die Fälle von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen mit eigenen Ressourcen zu decken. Nachfolgelösungen für das Leutkircher Personal seien zum Glück gefunden, betont Michael Lindauer sachlich. Den Rest, bezogen auf das Gebäude, muss noch die Kirchengemeinde lösen.

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