Zeitgenössische Bautrends im Blickpunkt

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 Mit Edwin Heinz (umgehängter grüner Pulli) beim architektonischen Stadtspaziergang.
Mit Edwin Heinz (umgehängter grüner Pulli) beim architektonischen Stadtspaziergang. (Foto: Otto Schöllhorn)
Otto Schöllhorn

14 Architekturinteressierte haben sich einem Rundgang mit Architekt Edwin Heinz durch die Stadt angeschlossen. Im Blick standen Bauwerke, die für Bautrends der vergangenen 50 Jahre stehen, an denen überwiegend Edwin Heinz mit dem Architekturbüro Gabler-Morlok-Seitz beteiligt war.

Auch über die Vorgeschichte der Gebäude war dabei manches zu erfahren, beispielsweise über die Kreissparkasse, deren Vorgängerbau abgerissen wurde. Eine Baracke am Viehmarktplatz diente als Ausweichquartier, versetzt neben den Sportplatz ist sie das heutige Vereinsheim. Als Praktikant hatte Edwin Heinz diese Zeit in den 70er-Jahren erlebt, in denen auf einer Baustelle noch elf Stunden gearbeitet wurde und die Maurer noch mit Bier ihren Durst stillten. Heute undenkbar.

Ruhige weiße Mauerfront

Die Kreissparkasse prägt von der Eingangsseite her noch eine ruhige weiße Mauerfront mit einem durchgehenden granitfarbenen Fensterfries und ruhigen Dachgaupen. Der metallische Vorbau kam erst in den 90er-Jahren mit einem gelochten Stahlträger – damals modischer Zeitgeschmack. Mutiger zeigt sich die Kreissparkasse von der Bachstraße her (früher Fotogeschäft Wagner): Ein Gebäude mit Blechdach und Stahlgesims, die Wand schräg versetzt zum Giebel mit grünlichen Faser-Zementplatten. Edwin Heinz zeigt sich heute noch verwundert über die Zustimmung des Denkmalamts zu dem verglasten metallenen Verbindungssteg.

Die Dachhöhen waren in den 70er- und 80er-Jahren in Nähe des Altstadtbereichs ein gestalterisches Problem, wie man gut am Löwenzentrum erkennt: Wo soll das Dach, die Traufhöhe, ansetzen? Damals zog man die Dächer weit nach unten, was auf Kosten einer guten Belichtung ging, während heute die Giebeldächer weit oben angesetzt werden oder bei Wohnblocks nur noch Penthouse-Wohnungen die Gebäude abschließen.

Bei der Renovierung des Kornhauses haben die Auflagen des Denkmalamtes, im Dachbereich keine Gaupen zu errichten, zu einer fantasievollen Lösung geführt. Das Dach kippt, von unten kaum sichtbar, eine Zeile lang nach außen, dass Licht von oben einströmen kann. So ist dort unter dem Dach der Galeriebetrieb mit Ausstellungen möglich geworden.

Mit der Aufnahme in das Stadtsanierungsprogramm Ende der 1970er-Jahre und mit Hilfe einer Altstadtsatzung gelang es, einen großen Teil der historischen Bausubstanz Leutkirchs zu schützen. Die Umgestaltung des Salzstadelareals bei der evangelischen Kirche wurde in ihrer Gestaltung auf die Umgebung eingehend dem historischen Stadtbild angepasst, Giebelhäuser, Vor- und Rückversetzungen gliedern den Raum. Zur Unteren Vorstadtstraße hin mit Auskragungen an den Wandfronten, kleinen Türmchen, wie auch beim Schuhhaus Werdich, das zusätzlich mit seiner Rundung eine angenehme Stadteingangssituation schafft.

Die Leutkircher Bank war früher im Georg-Schneider-Haus untergebracht, auf dem Bereich der heutigen Bank standen das Polizeigebäude und ein Bahnhofshotel. Die Dachhöhe und Fenstergliederung war durch die Altstadtsatzung vorgeschrieben. Mit quadratischen Säulen wurde eine Arkadensituation geschaffen, ähnlich wie bei der Anlage der gegenüberliegenden Leutkircher Bank zehn Jahre später, wo runde Stahlrohrstützen die mit Vor- und Rücksprüngen und mit unterschiedlicher Farbe gegliederten Gebäudeteile zieren.

Früher stand dort die Lang’sche Villa mit Park und das Gefängnis. Eine große Nutzungsdichte mit 40 Wohnungen, Praxen, Büroräumen konnte geschaffen werden, ebenso die geforderten Stellplätze auf zwei Geschosse nach unten, mit einer technischen Herausforderung angesichts des Wasserdrucks der vorbeifließenden Eschach. Die benachbarte Stadtvilla (1908) sollte einer Neuplanung zum Opfer fallen. Der Abriss wurde gestoppt, die Villa saniert, ein gutes Beispiel für den Erhalt alter Häuser.

Anbauten aus den 1970er-Jahren

Ausdruck der 70er-Jahre waren auch die Anbauten am Georg-Schneider-Haus, ein funktionaler Skelettbau, der abgerissen werden soll. Gebrauchsarchitektur kann ein schnelles Verfallsdatum haben.

Zum Schluss des Rundgangs noch ein Blick auf das funktionale kompakte Büro- und Ärztehaus der Leutkircher Bank, das ursprünglich sogar ein Geschoss höher werden sollte, mit Keramikplatten der Umgebung farblich angepasst ist und die Häuserzeile abschließen sollte. Hier wurden auch Meinungen der Teilnehmer hörbar, das zu massive Gebäude habe kein Gegenüber auf der Nordseite, wo das Lagergebäude der Bahn zugunsten des Busbahnhofs weichen musste und füge sich nicht recht ein in die umgebenden Gebäude und deren mit Schindeln bedeckten Holzfassaden.

Im Laufe der vergangenen 50 Jahre hat sich viel verändert, Veränderungen, die auch eine Stadt nach Meinung von Edwin Heinz auch lebenswert machen könnten. Die interessante Führung endete mit dem Appell, „alte Gebäude zu bewahren, um auch die Geschichte zu spüren. Denn jedes Haus hat eine Geschichte zu erzählen“.

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