Wohlklingendes vom Allerfeinsten

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60 Zuhörer lauschten im Hinterhof des Gotischen Hauses, wo normalerweise 150 Gäste Platz hätten.
60 Zuhörer lauschten im Hinterhof des Gotischen Hauses, wo normalerweise 150 Gäste Platz hätten. (Foto: Johannes Reichert)
Johannes Reichert

Seit dem 16. März hat die Volkshochschule Leutkirch (VHS) keine Veranstaltung bieten können, beklagt Leiter Karl-Anton Maucher. „Jetzt mal wieder was, wir haben richtig mitgelitten mit den Musikern und eigens für diesen Abend ,Ernst Hutter, Family & Friends’ gewinnen können“. 60 besetzte Stühle stehen im Hinterhof des Gotischen Hauses, pro Person sind zum Schutz vor Corona vier Quadratmeter Fläche vorgeschrieben. Normalerweise hätten rund 150 Leute Platz. Zweimal bieten die Musiker feinsten Jazz an diesem Sommerabend.

Ernst Hutter: „Ich könnte jeden von euch einzeln umarmen, ich bin so glücklich nach der langen Zeit ohne Live-Auftritte. So eine Dürre habe ich in 40 Jahren nicht erlebt. Uns reichts nicht im Keller zu üben, die funkelnden Augen im Publikum zu erleben, wieder mit Publikum vereint zu sein, habe ich sehr vermisst.“ Die Formation besteht aus Ernst Hutter, den Söhnen Martin (Trompete) und Stefan (Schlagzeug) sowie Lothar Kraft am E-Piano und Veit Hübner am Bass. Zu den Klagen passend interpretiert: „Lament“.

Hutter liebt es, den böhmischen Wind zu „säuseln“

Eigentlich wäre Ernst Hutter an diesem Abend mit seinen Egerländern in Ungarn. Er liebt es, den böhmischen Wind zu „säuseln“, wie er sagt. Wie ist der junge Roggenzeller Tenorhornist Ernst zu Jazz gekommen? Bei den Roggenzellern war alles dufte. Man hat „alles rauf und runter gespielt“. Dann kam der Wangener Lothar Kraft aus Kißlegg ins Leben von Ernst. Für seine Schüler-Dixiland-Band brauchte er einen Posaunisten und hat das Interesse dafür bei Ernst geweckt. „Ich habe bis dahin keinen Jazz gekannt, der Lothar hat mir dazu Platten mitgebracht. Ein Problem war noch, den jungen Ernst bei Vater Hutter, Leiter der Roggenzeller Musik, loszueisen. Es sei eine mutige Aktion von Lothar gewesen, mit folgenden Worten zum Dirigent Hutter zu gehen: „Den Bue bruach i jetzt!“ Jetzt nach 40 Jahren seien sie wieder auf der Bühne zusammen. Lothar Kraft spielt „Some day my prince will come“.

Im Hinterhof gibt es den Abend lang Jazz vom Allerfeinsten. Diese Band -Konstellation ist nur für diesen Abend zusammen. Die Künstler zählen zu den bekanntesten und erfolgreichsten Musikern der Region. Als langjähriger Posaunist der international bekannten SWR-Big-Band sowie als Chef der Egerländer Musikanten zählt Ernst Hutter zu den führenden Musikern in Deutschland. Zusammen mit seinen Söhnen Stephan (Schlagzeug) und Martin (Trompete/Flügelhorn) führt er in Amtzell einen eigenen Musikverlag (HutterMusic). Der Pianist Lothar Kraft ist in Leutkirch und in der gesamten Region bestens bekannt. Veit Hübner aus Ravensburg liefert den Bass-Sound. Auch er leidet unter Corona, denn als Organisator des Einhalden-Festivals musste er das Event absagen.

Schweizer Jazz-Sendungen hatten es ihm angetan

Hutter erzählt auch in seiner angenehm-informativen Moderation, wie er zu seinem Können, den schönen Ton, diese Läufe und Phrasierungen gekommen ist. Das Schweizer Fernsehen habe früher gute Jazz-Sendungen gehabt. Ganz gebannt habe er sich „alles reingezogen“, während er alles geblasen hat, was ihm vor das Mundstück gekommen sei. Von dort hätte er über das Geheimnis des perfekten Spiels gelernt: „There is no mystery, it is only practice, practice, practice!“

Weit über dem Innenhof, oben im Bocksaal, üben gleichzeitig bei geschlossenen Fenstern Teilnehmer des Internationalen Klassik-Meisterkurs für ihr Abschlusskonzert. Die Festhalle wird für 99 Zuhörer Platz bieten, es gibt zwei identische Vorstellungen der jungen Musiker – um 18 und um 20.30 Uhr. Termin ist der Donnerstag, 6. August, eine Anmeldung möglich bei der VHS Leutkirch.

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