Warum so viele Leutkircher Dörfer auf „-hofen“ enden

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Postkarte mit verschiedenen Bildern
Diese Postkarte aus dem Jahr 1905 zeigt das Dorf Friesenhofen, das zu diesem Zeitpunkt noch an die Bahn angeschlossen war. (Foto: Archiv Heimatpflege Leutkirch)
Redakteur Leutkirch

Wenn man von Isny oder Bad Wurzach aus nach Leutkirch kommt, kann man an den Ortsnamen der Dörfer, durch die man fährt, relativ zuverlässig erkennen, ab wann man sich auf der Gemarkung der ehemaligen Reichsstadt befindet.

Im Gegensatz zu den beiden genannten Nachbargemeinden enden rund um Leutkirch nämlich fast alle Ortsnamen mit -hofen. Manfred Thierer von der Leutkircher Heimatpflege kann zwar erklären, wie diese Endung grundsätzlich entstanden ist, steht bei der Frage, warum die -hofen-Endung gerade hier so gehäuft vorkommt, aber vor einem Rätsel.

Diepoldshofen, Reichenhofen, Wuchzenhofen, Friesenhofen, Herlazhofen, Gebrazhofen – sechs der acht Leutkircher Ortschaften enden gleich.

Und auch bei den Ortsteilen stößt man bei fast allen auf die -hofen-Endung. Kurios: Die beiden einzigen Leutkircher Ortschaften, die nicht auf -hofen enden – Winterstetten und Hofs – verfügen, mit Ausnahme von Isgazhofen bei Winterstetten, auch über keine Ortsteile oder Weiler mit dieser Endung. Während dagegen in der Ortschaft Gebrazhofen sämtliche neun Ortsteile den Zusatz -hofen im Namen tragen.

Relativ späte Besiedlung

Um zu verstehen, wie dieser Zusatz entstanden ist, müsse man auf die verschiedenen Siedlungsphasen schauen, erklärt Manfred Thierer. Bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts lebt in der Region eine keltisch/römische Bevölkerung, dann beginnt die Eroberung des bis dahin unter römischer Herrschaft stehenden Gebiets durch die Alemannen. Allmählich besiedeln diese es auch, man spricht von der Landnahme, so Thierer.

Die frühen Siedlungen verraten sich besonders durch die -ingen-Endungen der Ortsnamen. 

Manfred Thierer von der Leutkircher Heimatpflege 

„Zuerst werden dabei zwischen etwa 400 und 700 die klimatisch und orografisch (mit Blick auf die Höhenstrukturen des Geländes, Anm. d. Red.) günstigen Gebiete besiedelt: Donautal, nördliches Oberschwaben, mittleres und unteres Illertal, westlicher Bodenseeraum. Diese frühen Siedlungen verraten sich besonders durch die -ingen-Endungen der Ortsnamen“, erklärt Thierer.

Die Ortschaften werden von freien Bauern oder adeligen Herren gegründet und nach dem jeweiligen Gründer benannt. So gehe beispielsweise der Name Herbertingen, den man vor allem im fränkischen Siedlungsgebiet findet – besonders im nördlichen Württemberg – auf einen Heribert zurück. Etwa in der gleichen Zeit entstehen auch die -heim-Namen, die man aber im Allgäu kaum findet, sondern ebenfalls eher im fränkischen Raum.

Das Innere Oberschwabens und das Allgäu werden erst in der Folgezeit, dem späteren Ausbau, besiedelt, etwa im 6., 7. und 8. Jahrhundert. Die -ingen-Namen fehlen demnach weitgehend. 

Manfred Thierer von der Leutkircher Heimatpflege

„Das Innere Oberschwabens und das Allgäu werden erst in der Folgezeit, dem späteren Ausbau, besiedelt, etwa im 6., 7. und 8. Jahrhundert. Die -ingen-Namen fehlen demnach weitgehend“, so Thierer. Diese späteren Siedlungen verraten sich durch Siedlungsnamen mit -dorf sowie -hausen oder -beuren, also die Mehrzahlformen von Haus oder Bauer.

Ebenfalls in diese Reihe gehört die in Leutkirch so zahlreich vertretene -hofen-Endung, die Mehrzahl von Hof. Noch später entstanden sind sogenannte Rodesiedlungen in noch ungünstigeren Lagen, für die, wie es die Bezeichnung schon nahelegt, erst einmal entsprechende Flächen gerodet werden mussten.

Diese Siedlungen erkennt man an den Endungen -reute, -rot, -ried, -schwand oder -schwende. Alle Nachsilben stünden für roden, erklärt Thierer.

Ungelöstes Rätsel

Wie es aber nun um Leutkirch herum zu einer solch auffälligen Häufung dieser Endung gekommen ist, sei nicht wirklich sicher zu erklären. Im direkten Vergleich mit der angrenzenden noch größeren Flächengemeinde Bad Wurzach, wo von den neuen Ortschaften mit Gospoldshofen nur eine auf -hofen endet, könnte es aber sein, dass es daherkommt, dass es, je weiter man vom Allgäu aus nördlich Richtung Donau geht, weniger Einzelhöfe und mehr Dörfer gibt. Was allerdings nicht erklärt, warum es auch rund um Isny deutlich weniger Orte gibt, die auf -hofen enden als um Leutkirch.

Grundsätzlich, sagt Thierer, gebe es relativ wenig Literatur dazu, wie das Württembergische Allgäu besiedelt worden ist. Vor allem die zeitliche Datierung der -hofen-Endungen sei schwer. Es bleibt also wohl ein ungelöstes Rätsel, was es mit den vielen -hofen-Endungen rund um Leutkirch auf sich hat.

Wobei eine, nicht ganz ernst gemeinte Lösung sein könnte, dass die Leutkircher schlicht über all die Jahrhunderte hinweg nicht so „maulfaul“ wie ihre Nachbarn waren. Denn, so Thierer, während man viele Ortsnamen ohne Nachsilbe, wie beispielsweise Eglofs oder Hauerz, eigentlich mit -haus oder- hofen ergänzen könnte – Eglofs mit Hof eines Agilolf beziehungsweise Hauerz mit Hof eines Hawart (wie Thierer erklärt, spricht man bei ihnen auch von genitivischen Namen: wessen Hof? Der des Hawart …) – habe man sich bei anderen Orten auch oft aus „Maulfaulheit“ die Nachsilbe einfach gespart.

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