„Nachbarn seit 1,5 Jahren nicht mehr gesehen“: Geschlossener Bahnübergang teilt ein Dorf

Redaktionsleiter

Vor bald zwei Jahren ist der Bahnübergang in der Leutkircher Ortschaft Lanzenhofen aus Sicherheitsgründen geschlossen worden. Seitdem ist das Dorf in zwei Abschnitte geteilt.

Wer nun etwa von Lanzenhofen-Süd – wo sich die große Mehrheit der Gebäude befindet – nach Lanzenhofen-Nord gelangen will, muss einen Umweg von rund sechs Kilometern um den kompletten Ellerazhofer Weiher in Kauf nehmen. Abhilfe soll eine neue Brücke über die Schienen zwischen der Ortschaft und dem Weiler Unger schaffen. Doch der Bau verzögert sich bereits seit vielen Monaten.

„Es muss jetzt endlich etwas passieren. Wir sind komplett abgeschnitten“, sagt ein Lanzenhofener empört. Er ist einer von zehn Bewohnern der Ortschaft, die sich vor einiger Zeit mit einem Vertreter der „Schwäbischen Zeitung“ am geschlossenen Bahnübergang getroffen hatten.

Die Betroffenen haben die Umwege um den Ellerazhofer Weiher und die daraus entstehenden negativen Auswirkungen mittlerweile satt.

Ziel deutlich verfehlt

Denn eigentlich sollte die Brücke – in Verbindung mit einer neuen Straße, die vom nördlichen Teil von Lanzenhofen zu diesem Bauwerk führt – noch vor Inbetriebnahme der elektrifizierten Bahnstrecke gebaut werden. Dieses Ziel wurde deutlich verfehlt, schließlich befindet sich die Bahnlinie schon seit Ende 2021 unter Strom.

„Leider haben zuerst stockende Grundstücksverhandlungen das Projekt verzögert, dann naturschutzrechtliche Einwände von Anwohnern“, teilt Thomas Stupka, der bei der Stadt Leutkirch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, auf SZ-Anfrage mit.

Ich habe meine Nachbarn seit 1,5 Jahren fast gar nicht mehr gesehen.

So habe ein Lanzenhofener Bürger beim Regierungspräsidium (RP) seine Bedenken zum geplanten Projekt – die den Naturschutz und die Landschaftspflege betreffen – geäußert.

Gutachten bringt keine neuen Erkenntnisse

Um diese Einwände auszuräumen, habe das RP ein weiteres Gutachten eingefordert, in dem die zuvor bereits geplanten naturschutzrechtlichen Ausgleichsmaßnahmen offenbar für gut befunden wurden. „Dieses Gutachten hat zu keiner neuen Erkenntnis, aber zu einer weiteren Verschiebung des Projektbeginns um fast ein Jahr geführt“, erklärt Stupka.

Derzeit hoffen die Verantwortlichen im Leutkircher Rathaus, dass die noch offenen Punkte zum Naturschutz bis zum Jahresende vollständig geklärt sind – und dann auch das Regierungspräsidium seine Projekt-Freigabe erteilt hat. Ein Baubeginn sei unter Umständen dann im Frühjahr 2023 möglich.

 Viele Betroffene leiden unter der aktuellen Situation in Lanzenhofen mit dem geschlossenen Bahnübergang.
Viele Betroffene leiden unter der aktuellen Situation in Lanzenhofen mit dem geschlossenen Bahnübergang. (Foto: Simon Nill)

Somit müssen sich die Bewohner von Lanzenhofen in diesem Winter noch mit der bestehenden Situation begnügen. Diejenigen, die im südlichen Teil der Ortschaft leben, kritisieren etwa die „eingeschränkte Bewegungsfreiheit“.

Wegen der Kreisstraße, die durch Lanzenhofen führt, seien unbeschwerte Spaziergänge stets nur in Richtung Ellerazhofer Weiher möglich gewesen. Dieser direkte Weg bleibt vorerst allerdings versperrt.

Folgen für die Dorfgemeinschaft

Auswirkungen gebe es zum Beispiel auch auf das Dorfleben und das nachbarschaftliche Verhältnis, das sich drastisch verändert habe. „Ich habe meine Nachbarn seit 1,5 Jahren fast gar nicht mehr gesehen“, meint Ralf Strehle, der im nördlichen Teil von Lanzenhofen zu Hause ist.

Um sie zu besuchen, oder zum Beispiel die Kapelle in der Ortschaft zu erreichen, müsste er einen Umweg von rund sechs Kilometern auf sich nehmen. „Nachhaltig ist das nicht“, sind sich die Betroffenen einig.

Vor großen Herausforderungen steht Strehle, Fahrer eines Leutkircher Taxiunternehmens, regelmäßig auch im Winter. „Oft kommt der Schneepflug erst gegen 10 Uhr“, meint er. Und ohne Räumdienst sei an manchen Tagen auf der schmalen Straße Richtung Willerazhofen kein Durchkommen.

Weil seine Arbeit deutlich vor 10 Uhr beginnt, habe Strehle an manchen Tagen „Verdienstausfälle“ zu beklagen. „Und was ist, wenn bei viel Neuschnee mal ein Notarzt zu uns kommen muss und nicht durchkommt?“ ergänzt eine Nachbarin.

Die Stadtverwaltung sei bemüht, auch die Gemeindeverbindungsstraßen so zeitnah zu räumen, dass jeder Bürger seine Arbeitsstelle rechtzeitig erreicht, entgegnet Thomas Stupka. Bei starkem Neuschnee könne es allerdings zu Verzögerungen kommen.

Straßenschäden machen Probleme

Sorgen machen sich Bewohner von Lanzenhofen-Nord auch über den Zustand der Straße in Richtung Willerazhofen. Die schmale Verbindung werde derzeit häufig von „riesigen Traktoren“ befahren. „Die Straße wurde vor Kurzem erst gerichtet und geht jetzt wieder kaputt.“

Auch die Leutkircher Stadtverwaltung ist der Meinung, dass die Verbindung zwischen dem Ortskern von Lanzenhofen und Willerazhofen über den Weiler Willerazhofen-Bad „wieder möglich gemacht werden muss“. „Das ist auch der Grund, warum weiterhin am Projekt festgehalten und weitergearbeitet wird“, teilt Stupka mit.

Für den Brückenbau sind nach aktuellen Berechnungen rund 2,5 Millionen Euro fällig. Die Kosten werden je zu einem Drittel von der Deutschen Bahn, dem Land Baden-Württemberg und dem Bund getragen. Die Erd- und Straßenbauarbeiten liegen bei rund 1,2 Millionen Euro, wovon die Stadt Leutkirch ein Drittel zu tragen habe.

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