Vier Frauen kandidierten vor 100 Jahren

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 So sah der Stimmzettel bei den Kommunalwahlen vor einhundert Jahren aus.
So sah der Stimmzettel bei den Kommunalwahlen vor einhundert Jahren aus. (Foto: Stadtarchiv Leutkirch)
Schwäbische Zeitung

Im Mai 1919, also vor genau einhundert Jahren, sind nach dem neuen Gesetz über das Gemeindewahlrecht und die Gemeindevertretung in ganz Württemberg Gemeinderatswahlen abgehalten worden. Wie die Wahl in Leutkirch ablief, recherchierte Stadtarchivarin Nicola Siegloch.

In Leutkirch wurde der Termin auf Sonntag, 18. Mai, festgelegt. Die beiden Wahllokale im Rathaus, das Bürgermeisterzimmer (Buchstaben A bis L) und das Polizeiwachtzimmer (Buchstabe M bis Z) hatten von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Zu wählen waren 16 Gemeinderäte, davon acht auf sechs Jahre und acht weitere auf drei Jahre. Maßgebend, ob ein Gemeinderat auf sechs oder drei Jahre gewählt wurde, war die Zahl der Stimmen, die der Gewählte erhielt.

Wahlvorschläge konnten bis zwölf Tage davor eingereicht werden. Die Wählerliste wurde drei Wochen vor der Wahl öffentlich ausgelegt. Der bisher als Kontrollorgan gegenüber dem Gemeinderat fungierende Bürgerausschuss wurde abgeschafft. Über das neue Wahlverfahren, insbesondere die Möglichkeit des Kumulierens und Panaschierens, wurde in der Presse ausführlich informiert. Trotzdem wurde nach der Wahl festgestellt, dass „sich ein großer Teil der Wähler über das neue Wahlrecht nicht ganz im Klaren war“.

Neu bei diesen Gemeinderatswahlen war allerdings vor allem, dass erstmals auch Frauen wählen (ab 20 Jahren) und gewählt (ab 25 Jahren) werden durften. Im November 1918 war in Deutschland das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht eingeführt worden. Im Januar 1919 konnten Frauen in Württemberg und Baden erstmals wählen und waren damit „vollständige“ Staatsbürgerinnen.

Vier Frauen ließen sich für die Gemeinderatswahl in Leutkirch aufstellen. Dies waren Philomena Ehrle (Privatiere) und Charlotte Kreißle (Schlossermeisters-Ehefrau) fürs Zentrum sowie Oberamtspflegers-Ehefrau Martha Maier und Babette Mayr, Tochter des Milchhändlers Karl Mayr, für die Deutsche Demokratische Partei (DDP). Auf der Liste der SPD befand sich keine Frau.

Keine einzige gewählt

Von den Kandidatinnen wurde jedoch keine einzige gewählt. Am meisten Stimmen, 462 von 1774 abgegebenen, erhielt die 49-Jährige Ehrle von der Zentrumspartei. Gewählt wurden schließlich 16 Herren – neun davon vom Zentrum, sechs von der Deutschen Demokratischen Partei und einer von der SPD. Mit etwa 80 Prozent lag die Wahlbeteiligung in Leutkirch höher als in anderen Orten des Oberamtsbezirks.

Der „Allgäuer Volksfreund“ kommentierte die Kommunalwahl 1919 folgendermaßen: „Wie im ganzen Lande, so haben auch in Leutkirch die Kandidatinnen keinen Erfolg gehabt. Die Wähler scheinen nicht viel für sie gestimmt zu haben. Und auch die Wählerinnen scheinen die Kandidatinnen nicht bevorzugt zu haben. Denn sie hätten es, ihrer Stimmenzahl nach, in der Hand gehabt, sie durchzubringen. Dass sie nicht durchkamen, ist vielleicht ein Beweis dafür, dass man im allgemeinen von der Notwendigkeit weiblicher Gemeinderäte auf dem Leutkircher Rathaus nicht überzeugt war.“

In der Nachbarstadt Isny sah man dies übrigens anders. Dort wurde bereits 1919 die erste Frau (Theresia Münst, Zentrum) von der stimmberechtigten Bevölkerung in den Gemeinderat gewählt.

In Leutkirch sollte es noch etwas dauern, bis Frauen in den Gemeinderat einzogen. Erst bei den Gemeinderatswahlen 1968 wurde Erika Weber (Unabhängige Bürger) erstmals eine Frau direkt in den Gemeinderat gewählt. Zuvor hatte es zwei Nachrückerinnen gegeben: Ingeborg Link (1958/1959) und Berta Pfob (1962).

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