Trauermusik mit betörender Leichtigkeit

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Die Sopranistin Sabine Winter mit Kammerchor Cantabile und der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben.
Die Sopranistin Sabine Winter mit Kammerchor Cantabile und der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben. (Foto: otto Schöllhorn)
Otto Schöllhorn

Der Kammerchor Cantabile hat am Samstagabend in der Festhalle von Leutkirch gemeinsam mit der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben das Requiem von Johannes Brahms aufgeführt.

Ruhig fließender, fast raunender Orchesterklang, der Chor setzt ein mit „Selig sind, die da Leid tragen", der zweiten Seligpreisung aus der Bergpredigt, verschmilzt mit den Klangfarben des Orchesters, ernst und archaisch in romantischem Moll.

Bestens vorbereitet

Schon hier wird deutlich, dass der Kammerchor Cantabile bestens vorbereitet ist – mit feinster Intonation, begleitet von der Professionalität der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben unter der umsichtig präzisen Stabführung von Stefan Deuschle.

Ein wohltuend schlanker Klang des Kammerorchesters und die Transparenz der einzelnen Stimmlagen, begünstigt durch eine Akustik ohne Nachhall, ließen schwerromantisch drückende Klangbilder erst gar nicht aufkommen.

Ins Klangerlebnis vertiefen

Der Zuhörer konnte sich ganz in das Klangerlebnis, die unterschiedlichen Stimmungen und Aussagen des Werkes vertiefen, in die Bibeltexte und Psalmen in denen der Trost all derer, „die da Leid tragen“ im Mittelpunkt steht und erlebten eine von Ernst, Würde und Zuversicht getragene Musik.

Chor und Orchester erzeugten einen immer wiederkehrenden Spannungsbogen von eindringlich flehend bis hin zu majestätisch fordernd. Aus getragenem, stillem Schmerz wurde bewegte helle Leichtigkeit: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“.

Fast wie ein Totentanz

Der in con-sordino-Klängen gefärbte Trauermarsch in b-Moll kündete die Vergänglichkeit allen Lebens, unerbittlich einherschreitend im Dreiviertel-Takt wirkte der Satz durch die fahle Klangfarbe fast wie ein Totentanz. Dazu die Stimmen des Chores in klarem Unisono: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras.“

Und wieder ein Spannungsfeld zwischen Tod und Leben, Trauer und Freude, sowie lebendiger Hoffnung. Der Bariton Jochen Schmid strahlte mit seiner kraftvollen wohlklingenden Stimme in den Worten des 39. Psalms: „Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss“. Die Angst vor dem Ende und Erschütterung zeichnete sich ab. Der Chor beantwortete jeweils die Aussage des Solisten mit der Wiederholung seiner Worte, was die eindringliche Wirkung verstärkte.

Ein Ruhepunkt

Nach den eher dramatischen Klängen der ersten drei Sätze konnten die Hörer den vierten Satz als Ruhepunkt aufatmend genießen. Der ruhig fließende Chorgesang zum Psalm 84 „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth“ vermittelte Ruhe und Zuversicht.

Nun folgte eine überirdisch schöne Tröstung voller Zärtlichkeit. Die Sopranistin Sabine Winter mit ihrer an Opern erprobten klaren Stimme brachte die Worte Jesu, der eine Zeit der Trennung ankündigt und sein Wiederkommen verheißt, betörend zu Gehör. Und als der Chor be-schwichtigend einfällt mit „Ich will euch trösten“, breiteten die Texte, ineinander gewoben, ein feines zartes Tuch von Zuversicht aus.

Der dramatische Höhepunkt

Satz sechs ist der dramatische Höhepunkt des Werks. Nach zwei stillen Sätzen, die aufatmen ließen, ging es hinein in die Wirren endzeitlicher Dramatik.

Die ganze Verzweiflung der Menschheit wird in furchterregenden Klängen zusammengeballt und entladen. Und doch! So hört man diese Chorstelle des Brahms-Requiems selten: aufbäumend, herausfordernd, trotzig: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“. Überzeugend intonierten die schlanken dynamischen Chorstimmen diese eigentlich düstere Passage leicht, fast beschwingt, ohne ein düsteres schwerromantisches Klangbild zu erzeugen.

Aus düsterem c-Moll wird strahlendes C-Dur

Und zudem wurde aus dem düsteren c-Moll ein strahlendes C-Dur, aus dem feierlich der Hymnus „Herr, du bist würdig“ erklang. Die Dynamik kam im letzten Satz zur Ruhe. „Selig sind die Toten“ stimmten die Sopranstimmen ein, gaben die Melodie weiter und leiten über zum vierstimmigen Satz in hellem A-Dur.

Das Requiem schloss ruhig fließend und mit dem langsam verklingenden Wort „selig“. Die Zuhörer konnten Anteil nehmen an einem herausragenden Werk in einer grandiosen Aufführung, aufwühlend und besänftigend.

Ein herausragender musikalischer Beitrag zum Stadtjubiläum 2016.

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