Trauerkultur im Allgäu wandelt sich

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 Das traditionelle Erdgrab verliert zunehmend an Bedeutung.
Das traditionelle Erdgrab verliert zunehmend an Bedeutung. (Foto: dpa)
Christian Reichl

Die Beerdigung in einem klassischen Erdgrab hat in Leutkirch und der Umgebung zunehmend an Bedeutung verloren. Der letzte Wunsch vieler Menschen ist, nach ihrem Ableben in einer Urne bestattet zu werden.

Bei den städtischen Friedhöfen in Leutkirch sind im vergangenen Jahr 48 Erdbestattungen und 96 Urnenbeisetzungen verzeichnet worden. Im Vorjahr wurden 78 Verstorbene im Sarg beerdigt und 83 in Urnen beigesetzt. „Der Wandel in der Bestattungskultur ist in den vergangen Jahren auch in Leutkirch angekommen“, sagt Jacqueline Zenker von der Stadt Leutkirch. Deswegen habe der Gemeinderat die Verwaltung 2018 beauftragt, zu bestehenden Erdbestattungsgräbern und Urnengräbern weitere Grabarten zu entwickeln.

Individualisierung beeinflusst Bestattungsformen

Während im Christentum über Jahrhunderte die Beisetzung eines Verstorbenen im Sarg auf dem Friedhof die traditionelle Form war, ändern sich die Wünsche der Menschen, was nach dem Tode mit ihren sterblichen Überresten geschehen soll. „Die zunehmende Individualisierung beeinflusst auch die innerfamiliäre Auseinandersetzung mit Bestattungsformen“, sagt Pfarrerin Tanja Götz von der evangelischen Kirchengemeinde Leutkirch.

Klassisches Friedhofsbild wandelt sich

Die Öffnung hin zu alternativen Bestattungsriten beeinflusst das klassische Friedhofsbild, das wir bislang kennen. „Wenn man heute über einen Friedhof geht, fallen einem zunehmend leere Flächen auf“, sagt Hubert Grad, Geschäftsführer der Friedhofsgärtnerei Grad aus Arnach. In den letzten 15 Jahren habe er beobachtet, dass neu angelegte Gräber immer kleiner werden, auch die Gestaltung habe sich geändert: „Heutzutage zieren weniger Pflanzen als früher die Gräber.“

Leerstand auf Friedhöfen sorgt für höhere Kosten

Für die Kommunen bereitet der Leerstand auf Friedhöfen Probleme, da er zu steigenden Friedhofsgebühren führt. „Die Kosten für den Unterhalt – wie Personalkosten, Müllentsorgung und Instandhaltung – der Anlagen bleiben gleich hoch, aber die Einkünfte sinken“, sagt Elke Osterkamp, zuständig für Friedhofs- und Bestattungswesen bei der Stadt Bad Wurzach. Grund für den Leerstand seien die rückläufigen Zahlen für Erdbestattungen. „Es gibt bei uns eine deutlich größere Nachfrage nach Urnengräbern“, erklärt Osterkamp. Hierfür sei auf dem städtischen Friedhof in Bad Wurzach bereits ein neues Gräberfeld geplant.

Trend zu Urnenbestattung nimmt auch in den Ortschaften zu

Der Wandel der Bestattungskultur macht sich auch in den Ortschaften bemerkbar. „Generell nimmt der Trend zur Urnenbestattung zu, Erdbestattungen bevorzugen eher ältere Leute, was vermutlich noch religiös motiviert ist“, sagt Petra Rauh, Mitarbeiterin der Gemeinde Seibranz. Sowohl bei der Stadt Bad Wurzach, wie auch in Seibranz sind im vergangenen Jahr bereits mehr Menschen in Urnen als in Erdgräbern bestattet worden. „Wenn es eine bestehende Ruhestätte in der Familie gibt, ist es auch möglich, Urnen in ein Reihenwahlgrab beizusetzen, was in diesem Fall häufig verlangt wird“, sagt Petra Rauh.

Zahl anonymer Urnenfelder wächst

Allerdings habe auch der Wunsch, auf einem anonymen Urnenfeld beigesetzt zu werden, in den letzten Jahren zugenommen, erklärt Karl Erzberger, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Martin. Der Pfarrer sieht diese Entwicklung kritisch: „Von der christlichen Taufe herrührend, ist für uns der Name sehr wichtig. Dieser, wie die Jahreszahlen der Lebenszeiten, können auf dem anonymen Friedhofsfeld leider nicht mehr gesehen und erinnert werden.“ Zunehmend mehr Menschen würden sich gegen die Bestattung auf einem Friedhof entscheiden und sich eine Beerdigung in der freien Natur auf einem Friedwald wünschen.

Klassisches Familiengrab verliert an Bedeutung

Die Ursachen für den raschen Anstieg der Feuerbestattungen sind vielfältig. „Die Kinder und Verwandten vieler Verstorbener leben häufig nicht mehr in der Nähe, dadurch ist ein regelmäßiger Besuch der Gräber und die Grabpflege für viele nicht mehr so einfach“, sagt Jacqueline Zenker.

Aus diesem Grund würden viele Bestattungen in Urnengräbern oder auch in kleineren Erdbestattungsgräbern vorgenommen. „Das klassische Familiengrab verliert dadurch an Bedeutung“, erklärt Zenker. Der Vorteil an Urnengräbern sei, dass diese möglichst wenig bis gar keine Pflege brauchen. „Dabei spielen auch die unterschiedlich kürzeren Mindestruhezeiten von Urnengräbern eine Rolle, sagt Elke Osterkamp.

Eine Möglichkeit für Verwandte, die fernab der elterlichen Heimat leben, ist die Dauergrabpflege, bei der ein Gärtner sich im Auftrag der Erben um die Ruhestätte kümmert. „Viele Verstorbene wollen das ihren Hinterbliebenen aber gar nicht zumuten“, sagt Hubert Grad.

Allerheiligen und Volkstrauertag

Die Katholiken begehen am Freitag das Hochfest Allerheiligen, am Tag darauf, an Allerseelen, erinnert sich die katholische Gemeinde aller Toten und deren Seelen. An Allerheiligen finden hierzu auf dem Waldfriedhof und dem Alten Friedhof in Leutkirch Gottesdienste statt, bei denen anschließend die geschmückten Gräber besucht werden.

Ein Wandel der Trauerkultur drückt sich nicht nur durch die Frage aus, an welchen Orten Menschen ihrer Verstorbenen gedenken, sondern auch, an wen sich erinnert werden soll. Dies zeigt sich beispielsweise am Volkstrauertag, der heuer auf den 17. November fällt. Während früher gefallener Soldaten der Weltkriege gedacht wurde, rückten nach und nach auch Opfer von Gewaltherrschaft ins Zentrum des Gedenkens.

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