Steppenwolf in der Festhalle

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Der Regisseur Wolf E. Rahlfs setzt auf die Wirkung von Kontrast und Überraschung.
Der Regisseur Wolf E. Rahlfs setzt auf die Wirkung von Kontrast und Überraschung. (Foto: Peter Empl)
Babette Caesar

Hauptdarsteller Markus Hennes in der Rolle von Harry Haller hat diesen Part in Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ mit viel Leben gefüllt. Anhaltenden Applaus vonseiten der Zuschauer in der ausgebuchten Leutkircher Festhalle gab es am Samstagabend nicht nur für ihn, sondern für das ganze Ensemble der Badischen Landesbühne Bruchsal. Für die Inszenierung von Wolf E. Rahlfs und die Ausstattung von Franziska Smolarek, die ihren Steppenwolf zu einem faszinierendem Spiel aus Traum und Wirklichkeit werden ließen.

„Lach doch mal!“ oder „Spring doch mal über deinen Schatten!“ sind immer wiederkehrende Aufforderungen an allzu ernste Menschen, wenn diese alles und jeden auf die goldene Waagschale legen. Nur wie das genau geht mit dem Humor und dem über sich selbst Lachen können, das scheint auch für den knapp 50-jährigen Harry Haller eine unüberwindbare Hürde zu sein. Er erlebt sich als Doppelwesen aus Mensch und Wolf. Als saturierten Bildungsbürger, der sich in Mozart und Goethe ergeht. Im Gegenzug ist er ein einsamer Zweifler an allem, was die bürgerliche Gesellschaft ausmacht.

So beginnt Rahlfs Inszenierung recht profan in einem Zimmer, in dem Haller auf seinen Vermieter (Tobias Karn) trifft. Haller kippt sich emotional aus, sein Gegenüber ergötzt sich an einem der ersten Radios. Dem „Gott der Technik“ sei er durch diese „Blechbüchse“ verfallen. Haller lässt kein gutes Haar an nichts und beschließt, sich an seinem 50. Geburtstag das Leben zu nehmen. Genug ist genug und er suhlt sich weiter in seinem Leid. Und das gelingt Markus Hennes bestens über die ganze Spieldauer von zwei Stunden. In immer neuen Anläufen ist er gefangen zwischen jahrzehntelang erprobter Nörgelei und spärlich aufkeimender Lust. Er tut sich unsäglich schwer, bis er schließlich vor einer mauerartigen Projektionsfläche steht. „Was mag dahinter sein, wohin führt die Tür?“ fragt er sich beim Eintritt in das „Magische Theater“, das „nur für Verrückte“ zugänglich ist. Wolf Rahlfs wollte keine „getreue Bebilderung des Textes“ auf die Bühne bringen.

Statt „well-made play“ eine bunte Welt der Kontraste

Also kein „well-made play“. Er wollte einen Weg finden, der den heterogenen Elementen der Erzählung gerecht wird: „Ziel meines Inszenierungskonzeptes ist daher, eine Welt zu kreieren, die bunt genug ist, all diese Kontraste und Widersprüche einzufangen und trotzdem als ästhetisch schlüssige zu bestehen.“ Rahlfs Steppenwolf ist bunt. Sie ist jeden Moment voller Erwartung auf Hallers nächsten Rückfall und auf die Hoffnung, er möge sich doch einmal hingeben.

Der ebenso sinnenfrohen wie lebenserprobten Hermine (Nadine Pape), die – zusammen mit Pablo (Colin Hausberg) – zu Hallers echten Prüfung gerät. Tanzen kann er nicht, was hat er bloß sein Leben lang getan?

Er blickt sein Konterfei im Spiegel an, lacht sich halbtot und fällt sofort wieder in die alte Unzufriedenheit zurück, wenn er den nichts ahnenden Professor (David Meyer) in Grund und Boden redet. Rahlfs lässt für Harry den verehrten Goethe zur närrischen Tanzpuppe (Cornelia Heilmann) werden und immer wieder tritt der Chor (Ensemble) hinter ihn als sein schlechtes Gewissen. „Zwei Seelen wohnen in seiner Brust!“, skandiert er in hohen Quietschtönen.

Hermine legt ihm Maria (Sina Weiß) ins Bett, um einmal echtes Leben zu spüren. „Reden macht unglücklich“, schubst Pablo ihn hin zur „Steppenwolf-Dressur“. Nunmehr geschniegelt und gebügelt in dandyhaft geordnetem Outfit betritt Haller eine neue Wirklichkeit. „Wollen Sie Ihr Gefängnis loswerden?“ tönt es verlockend und er macht mit. Greift zur Waffe und ballert herum, was das Zeug hält. Zerfällt die Einheit des Herzens doch in viele Ichs. Da spielt der Wolf den Menschen und umgekehrt.

Trotz oder gerade wegen dieser „undicht gewordenen Wirklichkeit“, die beständig das eigene Ich auf den Prüfstand stellt, ist Humor gefragt. Galgenhumor angesichts der Tollerei, die das Stück entfacht.

Zum Bersten komisch, wenn ein „Hohes Gericht“ Harrys Dummheit, Hermine aus Eifersucht zu töten, ihn zu einmaligem Auslachen verurteilt. Helfen könnten dabei Glückspillen. Ein schöner Abend, der sich gelohnt habe, meinten einige Besucher. Unter ihnen befinden sich am Samstagabend auch sehr viele Schüler, für die „Der Steppenwolf“ 2019 Thema im Abitur ist.

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