So geht Völkerverständigung

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Ein Genuss: Die „Vokal Akademia“ aus Tscheljabinsk und die Jazzformation „Just Friends“.
Ein Genuss: Die „Vokal Akademia“ aus Tscheljabinsk und die Jazzformation „Just Friends“. (Foto: Bernd Guido Weber)
Schwäbische Zeitung
Bernd Guido Weber

Wenn die Mächtigen der Welt mit den Säbeln rasseln, werden Begegnungen zwischen ganz normalen Menschen umso wichtiger. Die wollen Frieden, Freundschaft, Austausch, sich gegenseitig kennenlernen und über das ganz alltägliche Leben sprechen. Das deutsch-russische Konzert am Donnerstagabend im Bocksaal hat da einen wunderbaren Beitrag geleistet. Auch Jazzlegende Lee Konitz, Überraschungsgast im Publikum, freute sich über den warmherzigen Swing der „Vokal Akademia“ aus Tscheljabinsk und der Allgäuer Formation „Just Friends“.

„Just Friends“, die Hausband von „Talk im Bock“, eröffnet sanft – ein Heimspiel. Stefan Sigg intoniert sein Flügelhorn elegisch, dazu Markus Kerbers schöne Querflöte, später auch energetisch am Saxofon, Lothar Kraft am Piano, Klaus Bermetz am Kontrabass und Thomas Scholz an den Drums. „Breakfast Wine“, ein Jazzklassiker, später der„Tokyo Blues“ von Horace Silver. Vor allem aber sichere, einfühlsame Begleiter der vier Damen und des einen Herren aus Tscheljabinsk, die jetzt auf die Bühne kommen.

Tatjana Luzenko, Dozentin des Studiengangs „Pop & Jazz“ an der Universität der Millionenstadt im Südural, hat mit der „Vokal Akademia“ ein fantastisches A-cappella-Quintett geformt. Goldstimmen mit hoher Musikalität, bezaubernd vor allem Polina Nowosjolowa. Dabudabuwa, Songs auf englisch, brasilianisch, deutsch, russisch. Multikulti, international. Zuerst „Aqua de beber“, dann „Autum Leaves“ in einer Bearbeitung von Stefan Sigg, das russische Lied „Es schneit“ in einem Arrangement von Lothar Kraft verjazzt, mit Scatgesang. Erstaunlich, wie perfekt „Vokal Akademia“ mit den Allgäuern Jazzern harmonieren – als würden sie schon ewig zusammenspielen. Dabei ist die russische Delegation erst am Samstag in Wangen angekommen.

Initiator dieser bemerkenswerten Völkerverständigung ist Rudolf Sigerist, früher Leiter der Volkshochschule Wangen. Er stellt seit zwanzig Jahren Kontakte her, hat die „Deutsch-russische Kulturbrücke Wangen“ gegründet, organisiert gegenseitige Besuche, die deutsch-russischen Kulturtage. Auch „Just Friends“ sind bereits in Tscheljabinsk gewesen und werden in sechs Wochen erneut dorthin reisen, um bei einem Jazzfestival aufzutreten.

Natürlich bekommen die Sänger aus Russland auch ihren Soloauftritt. Alexej Schischkanow etwa gibt den Elvis mit „Can’t help falling in love“. Er könnte damit bei jedem Elvis-Revival-Contest glänzen. Dann sind wieder alle zusammen zu hören. Der Song „Moskauer Fenster“, mit leichter Melancholie, ist früher in der DDR ein Hit gewesen. „Black Orpheus“ erklingt butterzart, zum Reinlegen.

Als Geschenk für Deutschland haben die Sänger einen besonderen Song einstudiert: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann...“ Trude Herr wäre begeistert über diese flotte Version. In hoher Lage, fast hymnisch, „My Way“ als Schlusssong. Es gibt viel Beifall, Bravorufe und selbstverständlich folgt eine Zugabe. Es ist „Midnight in Moscow“, in weichem, zärtlichem Russisch. Diese Sprache kann so wohlklingend sein, wenn sie nicht von hartleibigen Funktionären gesprochen wird.

Überraschung nach dem Konzert: Ein älterer Herr kommt zur Bühne, sagt, wie gut es ihm gefallen hat. Es ist Lee Konitz, Saxofonlegende, ein ganz Großer. Er wohnt gerade in Leutkirch, familiäre Bindungen seiner Frau, in drei Wochen geht es wieder zurück nach New York. Lothar Kraft ist begeistert: „Ich habe 28 Alben von ihnen“, sagt er und will einen gemeinsamen Auftritt verabreden.

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