Skate-Legende Titus Dittmann: So wichtig ist Skaten für die Gesellschaft

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Bernd Guido Weber

Der von Bernd Dassel gegründete „Talk im Bock“ steht vor einem Umbruch. Die Moderatorin Jasmin Off zieht es beruflich in den hohen Norden. Moderator Andreas Müller, stellvertretender Chefredakteur der „Schwäbischen Zeitung“, ist beruflich voll ausgelastet. So soll es ab 2019 eine kleinere Form des Talks geben, fünfmal, dazu die Veranstaltung beim Altstadt-Sommerfest. Moderatoren sind Karl-Anton Maucher und Joachim Rogosch.

Dieser Mann ist ganz schön zappelig, hibbelig. Er sieht mit seinen fast 70 Jahren aus wie ein Junger, der auch die Rap-Moves beherrscht, die gängigen Skater-Tricks sowieso. Ist mit Beanie-Mütze und Kapuzenpullover die beste Werbung für seine Marke. Beim Talk im Bock im Cubus hat Titus Dittmann berichtet, wie alles anfing. Und warum Skaten das Soziale, die Eigeninitiative und das Selbstbewusstsein stärkt.

Schon bei der Veranstaltung „Skate’n’Grill“ am Nachmittag auf dem Skaterplatz, organisiert vom Jugendhaus, kommt Titus bei den Jungs und Mädels mit den Boards gut an. Er hält eine kleine Rede, signiert T-Shirts, Boards, Helme. Ist ganz selbstverständlich mittendrin. Spricht direkt, auch mal mit derben Ausdrücken. Am Abend ebenso, bei Talk mit Moderator Karl-Anton Maucher. „Sorry, dass ich ab und zu in die Fäkalsprache falle“, sagt er. Andererseits: „Ich bin gleich 70, muss mich nicht mehr zurückhalten“.

Wobei das Sich-Zurückhalten sowieso nie sein Ding war. Auch wenn er auf dem Gymnasium in der Provinz kein „68er“ gewesen ist: „Wer 1968 sein Abitur gemacht hat, ist für den Rest des Lebens verdorben“. Als junger Sportlehrer brennt er plötzlich fürs Skaten, ein ganz heißer Trend aus den USA,Versorgt seine Schüler mit Boards, eingeschmuggelt aus Kalifornien. Gründet Skate-AGs, begeistert die Kids. Wehrt sich gegen sorgsam ausgedachte Pläne („die taugen dann eh nichts“) , gegen starre Autoritäten, verurteilt auch heute noch die Notengebung. „Das ist ein Verbrechen an den Kindern, man müsste eigentlich die ganze Scheiße dicht machen und neu aufbauen“.

Dittmann schmeißt nach vier Jahren sein Lehrer-Beamten-Dasein in die Tonne und gründet zusammen mit seiner Frau seine eigene Skater-Firma. Mit durchschlagendem Erfolg: Seine Firma ist Marktführer in Europa, in manchen Jahren erzielt er über 100 Millionen Umsatz. Aber auch mit Tiefen: Zweimal schrappt er äußerst knapp am Konkurs vorbei. Doch „Hinfallen, Blut abwischen, Aufstehen. Nicht nach Mama rufen“ ist eine Skatertugend. Auch für ihn. Titus Dittmann zitiert, sinngemäß, den alten Konfuzius. „Wenn du einen Job gefunden hast, den du richtig gern machst, musst du nie wieder arbeiten.“

Erster Skate-Professor Europas

Und Titus, so spricht ihn Karl-Anton Maucher an, „denn das ,Sie’ war irgendwie komisch“, brennt noch immer. Mittlerweile führt sein Sohn die Geschäfte, er selbst ist der erste Skate-Professor Europas. Vor allem aber ist er weltweit Skate-Botschafter mit seiner Stiftung „Skate Aid“. Sozusagen „Brett für die Welt“, wie auch seine witzige Autobiographie heißt. Gerade kommt er aus Uganda zurück, dort baut er einen Skatepark auf. Der Erlös dieses Abends kommt diesem zugute. Auf vier Kontinenten ist die Titus-Dittmann-Stiftung aktiv, zusammen mit Partnern, auch Basketballspieler Dirk Nowitzki ist dabei. Es gibt Rückschläge, in Afghanistan, „Nach Rupert Neudecks Tod wurde es schwierig, überhaupt dorthin zu kommen“. Aufgeben? Niemals. Das Projekt 2019 ist der Bau eines Skate-Parks im SOS-Kinderdorf Damaskus, dazu einen zweiten in einem Außenbezirk.

„Wie sinnvoll ist das Skaten in Afrika, bei Hunger und Armut?“ fragt Moderator Maucher. Wir würden Afrika nach wie vor wie eine Kolonialmacht behandeln, sagt Dittmann und kommt richtig in Fahrt. Der Westen schütte Afrika mit Altkleidern zu, vernichte die dortige Textilindustrie. Titus Dittmann ist gegen die bisherige Politik der Entwicklungshilfe. Skaten dagegen stärke das Selbstbewusstsein. Beim Skateboarden könne jeder ein Winner sein, anders als in konkurrenzbetonten Sportarten wie der Leichtathletik. Die Kids machen ihre Regeln selbst, gehen an ihre Grenzen, nichts wird übergestülpt. Rassismus habe keinen Platz. Der Skateboarder unterscheide die Menschen nur in zwei Gruppen: Boarder und Nicht-Boarder. Man gehe respektvoll miteinander um, übernehme Selbstverantwortung. „Wir machen die Kinder stark“. Und diese eigene, selbst entwickelte Stärke komme der Gesellschaft zugute. Positiv.

Titus spricht weiter, erzählt von „jungen Rotzlöffeln“ wie Tony Hawks, heute der berühmteste Skater aller Zeiten. Redet von bösen Bankern, gierigen Heuschrecken, ist kaum zu bremsen. Ein langer, dabei hochinteressanter Talk, mit fast philosophischer Botschaft.

Der von Bernd Dassel gegründete „Talk im Bock“ steht vor einem Umbruch. Die Moderatorin Jasmin Off zieht es beruflich in den hohen Norden. Moderator Andreas Müller, stellvertretender Chefredakteur der „Schwäbischen Zeitung“, ist beruflich voll ausgelastet. So soll es ab 2019 eine kleinere Form des Talks geben, fünfmal, dazu die Veranstaltung beim Altstadt-Sommerfest. Moderatoren sind Karl-Anton Maucher und Joachim Rogosch.

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