Sehr flexibel, höchst präzise – und etwas außer Atem

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Der Altenberger Domorganist Rolf Müller spielte „Kathedralklänge“ zur Marktzeit in St. Martin.
Der Altenberger Domorganist Rolf Müller spielte „Kathedralklänge“ zur Marktzeit in St. Martin. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Erfrischend und zupackend, poetisch und sinnlich haben sich die „Kathedralklänge“ ihren Zuhörern in der Stadtpfarrkirche St. Martin dargeboten – mit dem aus Altenberg im Bergischen Land angereisten Domorganisten Rolf Müller am Samstag während der Orgelmatinee zur Marktzeit. Seine Werkauswahl mit sechs Stücken namhafter Komponisten betonte auf hohem technischen Niveau die melodischen Kontraste und bewies einmal mehr, wozu das Instrument in der Lage ist.

Die Orgelempore habe gewackelt, meinte Regionalkantor Franz Günthner, nachdem die letzten Töne von Müllers Improvisation über ein gegebenes Thema verklungen waren: Das beliebte Kirchenlied „Ein Haus voll Glorie schauet“ hatte er sich für sein musikalisches Stegreifspiel ausgewählt als Finale dieser Matinee.

Dumpf setzte das Stück ein. Dazu ein leichter Donner im Hintergrund, bis das Liedhafte durchbrach, sich steigerte, verdichtete und wieder abschwoll. Mystisch-dunkeltonig gefärbte Register, über die sich eine lyrische Stimme erhob, wechselten in Machtvolles von gewaltiger Ausstrahlung über.

Welche spieltechnische Intensität Rolf Müller dabei entfachte, konnten die Zuhörer mittels vor dem Chor platzierter Leinwand verfolgen. Etwas außer Atem sei er schon, räumte er nach dem Konzert ein.

Seit 2001 ist er Domorganist und Kantor am Dom zu Altenberg sowie künstlerischer Leiter der Dommusik. Hinzu kommen die Leitung des Internationalen Orgelfestivals und der Internationalen Altenberger Orgelakademie für Improvisation.

Dass sein Repertoire stilistisch sehr breit angelegt ist, bewies die Leutkircher Matinee mit Werken aus Barock, Klassik und Romantik. In diese führte Franz Günthner kurz ein. In Georg Muffats „Toccata nona“ aus „Apparatus musico-organisticus“ von 1690, die den 1653 in Savoyen geborenen Komponisten als frühen Kenner mehrerer Stile ausweist: Auf pompöse und statische Satztechniken folgte ein leichte glockenartige Melodie hinauf zu einer gedämpften Flötenpartie.

Ganz anders dagegen das „Concerto a-Moll nach Vivaldi“ von Johann Sebastian Bach. Gereist ist er nie auf „Grand Tour“ nach Italien, wie das im 18. Jahrhundert üblich war. Von Antonio Vivaldi hat er dennoch viel gelernt, dank seinem in Weimar wirkenden Vetter Johann Gottfried Walther, der zahlreiche Übertragungen anfertigte. Schließlich bietet die Orgel wie kein anderes Tasteninstrument Gelegenheit, die Tutti- und Solo-Ensembles italienischer Orchesterkonzerte nachzuahmen. Voll wilder Tanzlust, voller Überschwang und Frohsinn hob der unbezeichnete erste Satz an. Rasant und äußerst beweglich. Dem ein leicht verschwommenes Adagio in hohen Flötentönen folgte.

„Wie von selbst“ höre sich das Stück an, was gewissermaßen auch auf Wolfgang Amadeus Mozarts „Kirchensonate F-Dur“ zutrifft, nur anders: „Mozarts geistliche Musik war lange Zeit etwas unterbelichtet. Selbst von Kennern wurde sie als zu weltlich und zu opernhaft belächelt“, schickte Günthner voraus.

Überaus heiter und lebendig, fast etwas drehleierartig, wirkt die Melodie, deren Klangfarbe an die einer Glasharmonika erinnern mag. Der Mozart-Biograf Alfred Einstein beschreibt den Komponisten als einen tiefgläubigen Menschen: „Mozarts Kirchenmusik ist katholisch in einem höheren Sinn.“

Mit einer Canzone aus „Suite für Orgel“ op. 56 von Josef Renner junior und dem Final aus der „Orgelsonate Nr. 1, d-Moll“ von Felix Alexandre Guilmant wechselte Rolf Müller zu zwei hoch geschätzten Organisten über. Das Ernste und Getragene, das sich zu einer immensen raumfüllenden Tiefe aufbaut, das voller Wucht durchbricht, sich hochdramatisch und ohne Atempause entfaltet und wie ein riesiger, ineinander verwobener Klangteppich ausdehnt – all das intonierte Rolf Müller mit dynamischer Flexibilität und absoluter Präzision in dieser Matinee, für die es viel Applaus gab.

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