Segenspfarrer Augustinus Hieber soll selig werden

Lesedauer: 9 Min
Pfarrer Hiebers Grab auf dem Friedhof in Merazhofen im Allgäu mit unzähligen Votivtafeln: Der Geistliche starb 1968. Viele Gläubige sind davon überzeugt, dass er bis heute Wunder bewirkt. (Foto: Fotos: Christian Flemming)
Schwäbische Zeitung

„Das überlebt er nicht, jetzt holen sie ihn. Jetzt schicken sie ihn ins KZ“, sagen die Dorfbewohner von Merazhofen hinter vorgehaltener Hand, als der Wagen der SS vor dem kleinen Pfarrhaus neben der Kirche hält. Zwei junge Männer mit Totenkopfabzeichen steigen aus und klopfen an die Tür von Pfarrer Augustinus Hieber. Der öffnet, lässt die Burschen herein und behält dabei sein grundgütiges Lächeln, für das er von seiner Gemeinde so geliebt wird. Und für das ihn die Gläubigen so verehren, die von überall her – auch weit über das Allgäu hinaus – zu ihm kommen und seinen Segen erbitten.

Was in den folgenden Stunden im Pfarrhaus geschieht, darüber gibt es unterschiedliche Schilderungen. Sicher verbrieft ist aber die Vorgeschichte des Besuchs der SS-Leute: Hieber hatte sich als Schul-Dekan von Leutkirch und Wangen mit Entschlossenheit über ein Dekret der Nazis hinweggesetzt. Er weigerte sich standhaft, das Kreuz in den Klassenzimmern abhängen und dafür ein Bild von Adolf Hitler aufhängen zu lassen. In eine Chronik schreibt er bereits kurz nach der Machtergreifung mit roter Tinte über Hitler: „Satanische Lüge – von Anfang an.“

„Pfarrer Hieber war nicht nur jemand, dessen Segen Wunderbares bewirkt hat – und vor allem bis heute bewirkt. Pfarrer Hieber war auch ein Widerstandskämpfer“, sagt Armin Fehr, Vorsitzender des „Pfarrer Augustinus Hieber Gedächtnisvereins“. Angelika Sommer aus Bad Saulgau, Leiterin der Geschäftsstelle des Vereins, öffnet ihren Aktenkoffer und legt ein gewaltiges Buch auf den Tisch. Es enthält 826 Fürbitten und trägt die Nummer 2. Darin wenden sich Menschen an den 1968 in Merazhofen gestorbenen und dort begrabenen Priester. Das Buch stammt aus dem Gründungsjahr des Vereins 2003. Inzwischen sind 27 Bücher dieser Art vollgeschrieben. Dazu kommen unzählige lose Zettel, die die Gläubigen in der kleinen Kapelle auf dem Friedhof zu Füßen der Madonna hinterlassen haben. „Insgesamt sind es etwa 30000 Fürbitten“, sagt Angelika Sommer. Und jeden Tag werden es mehr. „Alle geschrieben nach seinem Tod“, betont Konrad Schöllhorn, der Schatzmeister des Vereins.

Die Bandbreite der Fürbitten reicht vom profanen Wunsch, dass die praktische Fahrprüfung gut ausgehen möge, bis hin zu Existenziellem: „Lieber Segenspfarrer Hieber, hilf doch, dass meine Tochter wieder hören und sehen kann, und die Metastasen im Gehirn verschwinden. Vergelt’s Gott!“, schreibt ein Vater in seiner Not. „Bitte Pfarrer Hieber, gib, dass wir alle gesund und froh werden – und bewahre uns vor dem Mobilfunk“, steht anderswo. Aber egal wie bedeutend oder unbedeutend die Anliegen der Menschen sein mögen: „Jedem Einzelnen ist es eine Herzensangelegenheit, um den Beistand von Pfarrer Hieber zu bitten“, sagt Angelika Sommer, die all diese Zeugnisse aufbewahrt und ordnet. Denn sie spielen eine gravierende Rolle im Seligsprechungsverfahren, das in den Statuten des Vereins als oberstes Ziel geschrieben steht – und das inzwischen Fahrt aufgenommen hat.

„Genau genommen befinden wir uns noch im Vorstadium des Seligsprechungsverfahrens“, erklärt Fehr und freut sich, dass ein glücklicher Umstand den Prozess befördert hat. Einer der Gründer des Vereins, Pfarrer Benedikt Susak, betreut die katholische Pfarrgemeinde in Davos. Als dort im Vorjahr das Weltwirtschaftsforum stattfand, hatte Susak gleich drei hochrangige Gäste im Haus – nämlich Kardinäle. Er muss ihnen von Hieber erzählt und die Würdenträger beeindruckt haben. Denn einige Zeit später war der Kontakt zu einem vatikanischen Spezialisten in Sachen Seligsprechung hergestellt: Andrea Ambrosi.

Er ist seitdem der sogenannte Postulator des Falles und sagt gegenüber den Verantwortlichen im Verein, er habe selten ein Verfahren begleitet, in dem die Nachweise von Erhöhrungen und die Anrufungen der Gläubigen so zahlreich und klar gewesen seien.

Vor allem die Dokumentation von wundersamen Ereignissen, die Gläubige an Eides statt versichern müssen, sind die Währung, die im Vatikan zählt, um eine Seligsprechung zu erwirken. Und natürlich auch ganz profanes Geld. Denn das äußerst aufwendige Verfahren ist kostspielig. „Wir haben bereits 30000 Euro an den Postulator überwiesen“, sagt Schatzmeister Konrad Schöllhorn. Zwar arbeiten alle Mitglieder im Gedächtnisverein ehrenamtlich. Die Mittel sind aber nötig, um die gesicherten Dokumente und Unterlagen akribisch von der fachlichen Hand des Postulators aufbereiten zu lassen, was viel Arbeit macht. Zum Vergleich: Beim Seligsprechungsverfahren von Abbé Franz Stock, das Ambrosi ebenfalls begleitet, sind fast 20000 Seiten Aktenmaterial zusammengekommen.

Tun und Geben

Aber wie bringt ein Verein solche Summen auf? Er zählt derzeit rund 600 Mitglieder – „mit leicht steigender Tendenz“, sagt Angelika Sommer. Doch damit ist die Finanzierungsfrage noch nicht beantwortet. Angelika Sommer zieht einen Briefumschlag aus der Aktentasche. Darin eine Karte und eine Banknote: 1000 Schweizer Franken. Jemand schreibt, dass er einen Beitrag zur Seligsprechung des „hochverehrten Segenspfarrers“ leisten möchte. Kein Name. Kein Absender. „Wir bekommen viele Briefe von Unterstützern. Die Leute finden, dass die Zeit reif ist, Pfarrer Hieber selig zu sprechen. 22000 Unterschriften haben wir schon gesammelt.“

Tun und Geben. Diese beiden Tugenden habe Pfarrer Hieber vorgelebt wie kein Zweiter. Das bewundert auch die Merazhofer Bevölkerung in der dunklen Vorzeit des Zweiten Weltkrieges, als sie um das Leben des Priesters fürchtet, während die SS-Leute im Pfarrhaus sind. Doch es geht gut aus. Wie genau, darum ranken sich Legenden: Die einen sagen, die SS-Männer hätten zum Schluss vor Hieber gekniet. Andere berichten, sie hätten geweint wie kleine Kinder, als sie wieder in ihren Wagen gestiegen seien. Fakt ist, dass es der erste und letzte Besuch der SS im Pfarrhaus geblieben ist. Und im gesamten Schuldekanat haben die Kruzifixe in den Klassenzimmern die Zeit der Nazis unangetastet überdauert – allein das gilt vielen schon als Beleg, dass es mit dem Pfarrer von Merazhofen etwas Wundersames auf sich gehabt haben muss.

Der Glaube an die Fähigkeiten dieser Person – sie steht den Menschen an Hiebers Grab ins Gesicht geschrieben. Wen man auch fragt auf dem Friedhof in Merazhofen, jeder kann eine persönliche Geschichte erzählen, die ihn mit dem Priester verbindet. Und es müssen nicht immer Wunder sein: „Für mich ist Herr Hieber eine Inspiration, ein Vorbild für mein eigenes Leben“, sagt eine 62-Jährige aus Bad Wurzach.

Egal, ob es dem Gedächtnisverein gelingt, das Seligsprechungsverfahren erfolgreich zu betreiben: Augustinus Hieber wird seinen Status als Volksheiliger der Menschen im Allgäu ohnehin nicht verlieren. Denn wen das Volk verehrt, zu wem es betet und wessen Grab es besucht, darüber hat der Vatikan keine Gewalt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen