Schwergewicht ist der Star des Abends

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Der „Tubax“ zieht alle Blicke auf sich: Christian Segmehl (rechts) und Manuel Fischer-Dieskau.
Der „Tubax“ zieht alle Blicke auf sich: Christian Segmehl (rechts) und Manuel Fischer-Dieskau. (Foto: bc)
Babette Caesar

Viel gemeinsam haben ein Violoncello und ein Saxofon nicht. Rein optisch betrachtet. Tonal gehört soll ihnen ein sprechender Klang, vergleichbar mit der menschlichen Stimme, zu eigen sein.

So die Sichtweise von Cellist Manuel Fischer-Dieskau und Saxofonist Christian Segmehl. Sie traten am Freitagabend mit „A tonal affair“ in der Dreifaltigkeitskirche auf. Mit einer breit angelegten Palette verschiedener Stilrichtungen und einem Schwergewicht – dem „Tubax“.

„Cantable Art im Spielen“

Am allermeisten wünschte sich Johann Sebastian Bach, dass seine Lehrbegierigen in den zweistimmigen Inventionen eine „cantable Art im Spielen erlangen, und daneben einen starken Vorschmack von der Composition überkommt“. Bachs „Auffrichtige Anleitung“ stammt aus dem Jahr 1723. Um sie kommt bis heute kaum ein Klavierschüler herum. Mit dreien dieser harmonischen Werke eröffneten Fischer-Dieskau und Segmehl den gut besuchten Abend. Gebrochene Dreiklänge, auf- und absteigende Tonleitern, mal strenger, dann wieder freier und insgesamt geschmeidig wirkend, bestimmten den Auftakt.

Originalliteratur ist dies nicht. Weder für Cello noch für Sopransaxofon. Anders beispielsweise Nicolai Kapustins „Duet“ im Finale. Von Bachs musikalischem Charakter ging dennoch nichts verloren. Im Gegenteil traten seine gelegentlichen jazzigen Anmutungen in den Vordergrund.

Uraufführung in Mainz

Auf einer kleinen Tournee mit sechs Stationen befände sich das Duo gerade. In Mainz hatten sie vor einigen Tagen Uraufführung. Spielen gehört hat Fischer-Dieskau Segmehl vor drei Jahren. „Mit ihm möchte ich mal zusammen Musik machen“, erzählte er, um ursprünglich für Klavier komponierten Werken neue Energien und Farben zu geben. Am Beispiel einer Auswahl aus den „18 Duos“ von Béla Bartók in Form von Volkstänzen, zu denen ihn Reisen nach Rumänien und Ungarn inspiriert haben.

Von besonnen und ruhig bis zu spritzig und aufgewühlt in „Spottlied“ und einem wilden Staccato im „Ruthenischen Kolomejka-Tanz“ reichte die Palette an verschiedenen Stilrichtungen. Dies, so Segmehl, komme ihm sehr zupass, sich nicht auf eine bestimmte Gangart festlegen zu müssen. Dafür steht das Fischer-Dieskau und Segmehl von Ulrich Schultheiss gewidmete zeitgenössische Stück „A tonal affair“. Beeinflusst von Jazz und Pop, von Postmoderne, Romantik und Klassik bot es für Momente erstaunliche klangliche Gemeinsamkeiten beider Instrumente. Immer wieder unterbrochen von abrupten rhythmischen Wechseln.

Intensives Spiel

Mit einer Solo-Suite des Katalanen Gaspar Cassadó machte Fischer-Dieskau deutlich, welches Kaliber es braucht, um die technischen Schwierigkeiten zu bewältigen und den Tanz einer „Sardana“ im zweiten Satz derart souverän zum Sprechen zu bringen. Jede Minute blieb sein intensives Spiel miterlebbar, das nie angestrengt wirkt. Ihm, dessen internationale Karriere mit dem Cherubini-Quartett begann, steht die Freude dabei ins Gesicht geschrieben. Im Gegenzug hob Segmehl zu „Black & Blue“ von Barry Cockcroft an. Einem Altsaxophon-Solo, das ganz dem Blues gewidmet einen unverkrampften Flow entfacht, dem ihm so schnell keiner nachmacht.

Zu sehen bekommt man ihn höchst selten, gibt es in Deutschland lediglich eine Handvoll originaler Kontrabasssaxofone. Doch Fischer-Dieskau ließ nicht locker, ein solches Instrument in seine eigens komponierten Miniaturen „Relations“ einzubauen. Er liebe die tiefen Oktaven und von denen gab es reichlich. In München wurde Segmehl fündig, allerdings mit einer modernen Ausführung, die sich „Tubax“ nennt und dessen Höhe rund zwei Meter misst.

Eine Oktave höher

Acht Kurzgeschichten aus dem Leben einer Beziehung – von entspannt mit viel Groove bis hin zu Angstmomenten – verlieh das Duo stimmlichen Ausdruck. Der Tubax, mal mit atmosphärischem Rauschen passend zu Fischer-Dieskaus entlang gefahrenen Saiten, mal in brummigen sonoren Soli, verlangten Segmehl immens viel Luft ab. Und manchmal, beim Anblick dieses mannshohen Gebläses, konnte man ein Lachen nicht unterdrücken, wenn sich der Tubax eine Oktave höher schwang.

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