Scheytt kann nicht nur schnell spielen

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 Thomas Scheytt muss nicht immer Gas geben, er kann auch zärtlichen Blues – und Ray Charles.
Thomas Scheytt muss nicht immer Gas geben, er kann auch zärtlichen Blues – und Ray Charles. (Foto: Bernd Guido Weber)
Bernd Guido Weber

Es gibt ja Boogie-Woogie-Pianisten, die lassen von Anfang an die Sau raus, fegen einem Hirn und Beine weg, sorgen sofort für mächtig Dampf – bis zum Finale furioso. Thomas Scheytt, einer der Besten dieses Genre, ist da subtiler. Er verzaubert auch mal mit einem langsamen, zärtlichen Blues, und bekommt viel Beifall.

Ausverkauft ist der Bocksaal nicht, aber doch einigermaßen gut besetzt. Der Freiburger hat der Jugendmusikschule Freikarten geschenkt – eine schöne Geste. 15, 16 Klavierschüler sind mit ihren Eltern gekommen, um mal einen anderen Tastenzauber zu erleben. Dazu natürlich die Boogie-Fans.

Thomas Scheytt, mittlerweile 58 und vielfach ausgezeichnet, spielt sich mit einer Improvisation frei. Er betitelt das Stück frech „Erster Advent im Bocksaal Leutkirch“. Dann legt er los mit eigenen Stücken, Perlen aus der Hochzeit der Ragtime Anfang des vorigen Jahrhunderts, Scott Joplin und so, aber ohne den Dauerhit „The Entertainer“. Er spielt so gut wie vergessene Boogies von damals, den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts, als dieser neue Sound die Leute zum Ausrasten gebracht hat, sie buchstäblich auf die Kronleuchter geklettert sind – vor Begeisterung, in Chicago und anderswo.

Dazu kommen eigene Stücke, eines einem ganz treuen Fan gewidmet, dem Heinz. Eines über die „Flowerstreet“, die lebendige Blumenstraße, in der er in Freiburg wohnt. Seine Herkunft als Pfarrerssohn hat Thomas Scheytt nicht vergessen, er bringt malerisch „Off the Dark“, die Beschreibung eines Sonnenaufgangs. Eigentlich ist das Stück für die Orgel geschrieben. Dann peitscht er wieder mit ganz viel Beinarbeit den Boogie voran. Eine Zuhörerin hat Sorge, dass Scheytt noch nachts im Bett zappelt.

Am schönsten, am allerschönsten ist aber seine Instrumentalversion von „Georgia on my Mind“, der Ray-Charles-Hymne. Sie ist inbrünstig, innig, ohne Schmalz. Da öffnet sich der Himmel ganz weit.

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