Nachdenken und umdenken

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Rolf Schneider
Redakteur

Wenn bunte Bilder mit bunten Kühen auf einer Allgäu-Wiese herumstehen, interessierte Besucher den mahnenden Worten der Künstlerin Elisabeth Sauterleute („Wir leben in einer Zeit der Weltplünderung“) lauschen und sperrige Begriffe wie Bio-Diversität im Mittelpunkt der Referate stehen, dann weiß der geneigte Besucher: Es geht um Kunst, es geht um Umwelt und vor allem geht es um uns und unser Verhältnis zur Welt, und um unser Problembewusstsein.

Die Elobau-Stiftung, zu deren Stiftungszielen neben Bildung und Integration eben auch Umweltbewusstsein gehört, hat in diesem Frühjahr bei Balterazhofen eine Fläche von 3,3 Hektar gepachtet, um während eines Zeitraums von zunächst fünf Jahren ein Zeichen zu setzen gegen den Trend der Zeit. Sie will mit dem Projekt „Buntes Grünland“ aus artenarmen Flächen wieder Biotope schaffen, in denen eine Vielfalt von Arten sich entwickeln kann und aus reinen Nutzflächen wieder ursprüngliche Heuwiesen werden sollen – ohne auf landwirtschaftlichen Ertrag gänzlich zu verzichten.

Geheimnisvolle Welt der Tiefenwurzler

Der Freiburger Landschaftsökologe Holger Loritz entführte am Samstagnachmittag das Publikum in die geheimnisvolle Welt der Tiefenwurzler und mahnte zum Umdenken: „Der Rückgang der Diversität hat damit zu tun, dass wir die Natur immer intensiver nutzen – auf Kosten der Artenvielfalt. Viele Arten gehen verloren.“ So analysierte er auf der Probefläche zwölf Arten von Pflanzen und stellte ernüchternd fest: „Das ist zu wenig. Richtig artenreiche Flächen haben 60 Arten. Jede Art erhöht die Qualität des Lebens. Die Natur einer artenreichen Wiese produziert das Optimum.“ Es spricht für das Projekt und für die Sicht des Ökologen, dass er über den Tellerrand reinen Zweckdenkens hinausblickte: „Die Landwirte müssen wir alle erhalten. Wir müssen froh und dankbar sein, dass sie sich abstrampeln. Es geht nur, dass wir alle zusammenhalten.“ Das Insektensterben, das inzwischen auch in den Köpfen ansonsten eher umweltunbewusster Menschen angekommen ist, hat bekanntlich dramatische Formen angenommen. Loritz: „Es ist schockierend, wie wenig Insektenvielfalt wir hier haben“ und hob an zum Gedenken an den Schachbrettfalter, an den gemeinen Bläuling und an die Heuschrecken und Tagfalter: „Die sind besonders wichtig, weil sie Nahrungsmittel sind für die Vögel“. Bei allen mahnenden Worten sah der Ökologe dann aber doch einen einen, wenn auch schwachen, Silberstreif am biologischen Horizont: „Ich bin sehr zufrieden, wie sich die Flächen hier entwickelt haben.“

Der Leutkircher Künstler Peter Wolf enthüllte zum Schluss von Loritz’ Ausführungen eine groß dimensionierte Holzskulptur, die sacht an die olympischen Ringe erinnert und die später – neben einer Infotafel – vor allem auch ein Insektenhotel beherbergen soll, Symbiose von Kunst und Umwelt also, schließlich, so Elisabeth Sauterleute, „erweitert Kunst die Horizonte“ und regt zum Nachdenken an, weshalb die – teils exzellenten – Kuhbilder ihrer Schüler Denkanstöße sein sollen, „dass wir die Tiere oft zum Material degradieren.“ Sauterleute, die mit ihrer Kunstschule einen regen Austausch mit der Elobau-Stiftung pflegt, stieg in ihrer kurzen Ansprache auch hinab in die Tiefen der griechischen Mythologie, brachte den biblischen Ochs im Bethlehem-Stall ins Spiel und mahnte: „Rinder sind Gefährten des Menschen.“ Man sollte sich dies immer wieder ins Gedächtnis rufen, vor allem dann, wenn man vor preisgünstigen Discounter-Angeboten steht

Es war eine informative Stunde in der Natur, eine teils tiefgründige Veranstaltung und eine Hoffnung machende dazu. Peter Aulmann, Vorstand der Elobau-Stiftung, sprach gleich zu Beginn die Kernsätze, die ebenso gut als Schlusswort hätten gelten können: „Wir werden mit diesem Projekt die Welt nicht retten. Wir wollen zum Nachdenken anregen.“ Was eindrucksvoll gelungen ist.

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