„Miteinander schwätzen" ist unerlässlich

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Maher Darmoush leitete in Syrien eine Textilfabrik. Seinem Beruf Schneider kann er derzeit nur als Ehrenamt als Leiter eines Näh
Maher Darmoush leitete in Syrien eine Textilfabrik. Seinem Beruf Schneider kann er derzeit nur als Ehrenamt als Leiter eines Nähkreises nachgehen, beruflich qualifiziert er sich derzeit mit einem LKW-Führerschein neu. (Foto: Lena Reiner)
Schwäbische Zeitung

Am Sonntagmittag fand laut dem Bericht der Integrationsbeauftragten der Stadt Leutkich, Anita Mutvar, ein besonderes Podiumsgespräch an besonderem Ort statt. Im Rahmen der 500-Jahr-Feier von St. Martin erzählten Leutkircher mit und ohne Migrationshintergrund in dem seit Jahren nicht für Veranstaltungen genutzten Pfarrgarten aus ihrem bewegten Leben.

Die vierteilige Veranstaltungsreihe „Lebensgeschichten", die zuvor in Altshausen, Isny und Wilhelmsdorf Station gemacht hatte, fand hier ihren Abschluss. Die „verrückte Idee“ zu dieser Reihe erdacht hatte Eva Militz, Flüchtlingsbeauftragte des Landkreises. Ihr Anliegen war es, sichtbar zu machen, wie viele Menschen mit Migrationsgeschichte bereits hier leben und Teil der jeweiligen Stadtgesellschaft geworden sind, und einen Ort des Austauschs und der Begegnung auf Augenhöhe zu schaffen. „Die Veranstaltung sollte so niederschwellig wie möglich sein", erklärte sie außerdem.

Dabei erzählten an jedem Ort in einer moderierten Gesprächsrunde Personen mit Migrationsgeschichte offen aus ihrem Leben und von den Herausforderungen des Ankommens und Hierbleibens. Bei der Abschlussveranstaltung in Leutkirch setzte sich Anita Mutvar dafür ein, den von vielen unbemerkten Pfarrgarten zum „Erzählgarten" umzugestalten und dort acht Personen mit und ohne Migrationsgeschichte aus ihrem Leben berichten zu lassen.

Die in der Türkei geborene Selda Arslantekin, die 1974 im Alter von vier Jahren nach Deutschland kam, begeisterte das Publikum mit ihrer differenzierten Sicht auf die Dinge und ihrer positiven Einstellung trotz ihres Lebenslaufs, der einige Hürden bot – nicht zuletzt auf Grund ihrer Sehbehinderung. „Man muss die Situation dem Menschen anpassen und nicht den Menschen der Situation", betonte sie. Das gelte für Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte oder einer Behinderung gleichermaßen.

Der zeitliche Verlauf, den die Zeitzeugen abdecken konnten, machte deutlich, wie viel von Seiten der Verwaltung bereits dazugelernt wurde. So schilderte Afife Gezer eindrücklich, wie sie sich als junges Mädchen ohne Deutschkenntnisse mit der pantomimischen Interpretation eines Huhns verdeutlichen musste, dass sie Eier kaufen wolle. Deutsch- oder Integrationskurse habe es bei ihrer Ankunft in Deutschland vor 35 Jahren noch nicht gegeben.

Mit seiner Schilderung des Neubürgerabends, an dem sie in Leutkirch willkommen geheißen wurden, erstaunte Klaus Hönig, der in der ehemaligen DDR aufgewachsen war. Andere Podiumsgäste waren vor der Einführung dieser Willkommensveranstaltung nach Leutkirch gezogen.

Klar war am Ende der Gesprächsrunde vor allem eines: „miteinander schwätzen" ist unerlässlich, um als Gesellschaft zusammenzuwachsen und auch die Behörden sollten sich an diesem Austausch beteiligen und Zugezogene über Angebote und Anlaufstellen direkt bei ihrer Ankunft informieren.

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