Mit Kerzen oder Zeugnissen

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Veronika steht vor „ihrem“ Truck. Und erzählt vom Marktleben im Kongo. Obwohl sie noch nie dort war, weiß sie gut Bescheid. Über Nahrungsmittel, ihre Zubereitungsarten und alles, was es dort zu kaufen gibt. In ihrem normalen Leben studiert sie Soziale Arbeit in Freiburg. In Leutkirch war sie vorher noch nie, hier ist sie für eine Woche „Mulitplikatorin“ und von der Diözese Rottenburg-Stuttgart als Springerin für den Missio-Truck angefordert worden.

Wenn der Truck, der jahrelang deutschlandweit unterwegs ist, in ihrer Nähe Station macht, wird sie angefragt. Dann führt sie für eine Aufwandsentschädigung zusammen mit einem weiteren Multiplikator und dem pädagogischen Begleiter Tété Schüler und interessierte Menschen durch die multimediale Ausstellung. Und zwar von morgens bis nachmittags, denn eine komplette Führung dauert 90 Minuten. 60 solcher Multiplikatoren gibt es für den Missio-truck deutschlandweit. Veronika und ihre Kollegen wohnen und essen im Hotel, von Leutkirch-City haben sie noch nicht viel gesehen.

„Menschen auf der Flucht“

Tété hat ebenfalls soziale Arbeit studiert und reist seit drei Jahren mit dem Truck durch Deutschland. Das Thema lautet „Menschen auf der Flucht“ und Tété kann das gesamte Programm vorwärts und rückwärts im Schlaf abspulen. „Klar, wir machen ständig das Gleiche“, sagen die drei, „aber keine Klasse ist wie die andere und jedes Mal ist es ein bisschen anders.“ Erzählen müssen die drei zunächst nicht viel. Die Besucher schlüpfen in eine Rolle und laufen als Verkäuferin, als Bauer oder Schulkind durch den LKW und werden multimedial geführt. Einfach die Karte mit dem QR-Code unter den Scanner halten und schon werden Fragen gestellt. „Was nimmst Du mit auf die Flucht?“ will der Computer wissen. „Essen, Handy, Kerze oder Zeugnisse?“. Dass Zeugnisse immer wertvoller sind als eine Kerze, wird spätestens bei der übernächsten Station klar, als es darum geht, im Zielland Kenia eine Arbeit zu suchen. Mit seiner Kerze, so merkt der Besucher schnell, kommt er da nicht weit.

Nach der Tour durch die sieben Räume im 12-Tonner gibt es noch ein Gespräch und Diskussion. Hier erfahren Schüler und Besucher, was Handys mit dem Leben im Kongo zu tun haben. „Da staunt so mancher Schüler“, erzählen die Mitarbeiter, „was er mit seinem Handy in Afrika bewirken kann.“ Begleitet wird die Tour nämlich von der Unterschriftenkampagne „Aktion Saubere Handys“. Zudem sammelt das Hilfswerk ausgediente Handys, um die wertvollen Rohstoffe zu recyceln und mit dem Erlös humanitäre Projekte im Kongo zu unterstützen.

Die 3000 Euro, die das Projekt pro Woche kostet, werden fast vollständig vom Bundesprogramm „Demokratie leben“ finanziert. Die Resonanz ist nicht nur deutschlandweit, sondern auch in Leutkirch gewaltig. Etwa 500 Schüler ab Klasse 8 werden am Ende der Woche die eineinhalb Stunden-Ausstellung besucht und das ein oder andere ausgediente Handy in die Sammelbox geworfen haben.

Dass Flucht ein weltweites Dauerthema ist und auch die Region betrifft, weiß man hier. Vor allem seit 2015, als viele Syrer nach Leutkirch kamen. Das Buchprojekt „Meine traurige Heimat war das schönste Land der Welt“ wurde am Montagabend im Rahmen der Missio-truck-Woche ebenfalls vorgestellt. Junge syrische Flüchtlinge erzählen darin ihre traurigen und fröhlichen, aber vor allem ganz persönlichen Geschichten. Auch am kommenden Donnerstagabend geht es syrisch weiter. Dann kocht ein junger Syrer bei „cook & chill“ im Chillix.

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