„Man muss auch mal gegen den Strich gehen“

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Bedrückend für „Behringer“ wie auch für die Zuschauer: Der „Tanz der Nashörner“
Bedrückend für „Behringer“ wie auch für die Zuschauer: Der „Tanz der Nashörner“ (Foto: Fotos: Karl-Heinz Schweigert)
Schwäbische Zeitung
Karl-Heinz Schweigert

Hut ab vor den acht jungen Schauspielern sowie ihren Lehrern Maria Bentele und Thomas Moser von der Theater-AG des Hans-Multscher-Gymnasiums: Von Schuljahresbeginn an mit intensiven Proben gelang ihnen „hochmotiviert bis in die Haarspitzen“ (Originalton Moser) am Dienstagabend im Cubus die beeindruckende Aufführung „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco, die mit anhaltendem Applaus bedacht wurde. Der französische Dramatiker wählte hierbei die Form des absurden Theaters, um mit Übertreibungen und Maskeraden sowie aber bitterem Ernst generell Kritik an Massenbewegungen und Totalitarismen zu üben. Diese werden oft anfangs, wie die Geschichte lehrt, beschönigt und verharmlost, bis es schließlich kein Entrinnen mehr gibt.

So geschehen auch bei den „Nashörnern“, die zu Beginn des Stückes bei den jungen Akteuren nur geringe Aufmerksamkeit und Neugier auslösen. Perfekt besetzt und gespielt in kontrastreichen Rollen zogen sie, in ausgesuchten Kostümen und unterstützt von der funktionell mit Podesten ausgestatteten Bühne, die Zuschauer von Anfang an in ihren Bann: Leonard Kolb als getriebener Vorgesetzter, Marcel Canellas mit gelungenem Akzent als „Stech“ sowie als älterer Herr, Wanda Ruetz als gescheiter „Wisser“, Michelle Modery als flippiger „Schmetterling“, Ruth Konrad als cool kommentierender „Logiker“, Lada Petrenko als präsente Wirtin und „Daisy“ sowie Angelika Postovoj als Hausfrau und „Frau Ochs“. Mit den allzu bekannten Argumenten „Man muss mit der Zeit gehen“ und „Ich habe Angst ein Anderer zu sein“ verwandeln sie sich, mal fasziniert oder mal als Mitläufer und verdeutlicht durch bedrohliche Akkorde des Flügels und Trommelschläge, allesamt in das gehörnte Lebewesen.

Nur „Behringer“ (Lena Schäffeler) widersteht als einziger willensfester Charakter der verlockend süßen Macht der Anpassung, einschließlich bis zur bedrückenden Schluss-Szene: Allein auf der Treppe sitzend, wird er von den nun uniformen Nashornköpfen massiv umtanzt und bedrückt. Schön und befreiend dagegen die spontane Antwort von Lena (beim anschließenden Gedankenaustausch mit dem Publikum) auf die Frage, welche Lehren man daraus ziehen soll: „Man muss auch mal gegen den Strich gehen.“ Chapeau!

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