Jahresrückblick von Mike Jörg beeindruckt

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 Entspannt und dennoch hellwach: Mike Jörg.
Entspannt und dennoch hellwach: Mike Jörg. (Foto: Lilli Schneider)
Rolf Schneider
Redakteur

„Wenn du die Wirklichkeit nicht ändern kannst, dann musst du die Erzählung über die Wirklichkeit ändern“, diese Erkenntnis stammt nicht vom „Spiegel“-Fälscher Relotius, sondern vom oberschwäbischen Satiriker Mike Jörg, die er ziemlich an den Schluss seines samstäglichen Zweistundenprogramms in der Malztenne der Brauerei Härle stellte. Das klingt gut und der Trick ist, dass er damit sein Publikum auf die Schippe nahm. Sein Jahresrückblick war nämlich ein ironisch gespiegeltes und gebrochenes Abbild der Wirklichkeit, so verzerrt es auch manchmal erscheinen wollte.

Die Ouvertüre mit gut abgehangenen 68er-Sprüchen kam ein bisschen arg gewollt daher, dafür entschädigten Wortbilder wie „So ein Jahr ist wie Gras im Magen einer Kuh. Man muss es erst einmal hochrülpsen, um es verdauen zu können.“ Das passte wie der Faust aufs Gretchen, weil der Reflexion vergangener Zeiten manchen so manches hochkam. Dass Mike Jörg die Heiligsprechung der Noch-Kanzlerin forcierte, war ebenso ein Volltreffer wie die Erkenntnis „Merkel hat uns 13 Jahre im Wachkoma gehalten. Unsere Demokratie ist in einer tiefen Krise wegen der Raute.“ Das traf den Nerv und die Sichtweise des Publikums. Diese Wachkoma-Erkenntnis ist zwar nicht komisch, aber allzu wahr. Leider.

Mike Jörg spazierte quer durch den politischen Gemüsegarten, wobei vor allem die Zeitgenossen vom rechten Rand gehörig ihr Fett abbekamen: „Der Hund auf der Krawatte von Gauland richtet sich nicht gegen die Anhänger der AfD“ war da noch ein eher gemäßigter Satz. „Wir leben in ziemlich braunen Zeiten, da wächst die Sehnsucht nach Grün. Es würde mich nicht wundern, wenn wir demnächst einen grünen Bundeskanzler kriegen“ verriet schon deutlicher den politischen Standort des Satirikers, der sein Soloprogramm mit bemerkenswerter Brillanz und Konzentration durchzog. Irgendwie schimmerte beim bekennenden Alt-68er immer mal wieder sein latentes Unbehagen mit dem regierenden Landesvater durch: „Kretschmann war mal bekennender Kommunist. Jetzt ist er schwärzer als der Teufel.“ Die Zeiten würden sich halt ändern und mit ihr auch die Menschen.

Manches Zitat wirkte etwas ungenau und so manche Anspielung stellte das Assoziierungsvermögen des durchwegs hellwachen Publikums auf eine harte Probe, so wenn Jörg die CD-Hoffnung Merz als Blackrocker bezeichnete und ob jeder im Saal die Zeitgenossen Bolsonaro und Dutarte richtig einordnen kann, das ist ebenso fraglich wie das verquälte Wortspiel von Lindner und Lindwurm.

Doch das waren klitzekleine Hänger, die den formidablen Eindruck eines formidablen Programms nicht wesentlich trüben konnten. Mike Jörg packte alles hinein in seine zwei Stunden, den Dieselskandal ebenso wie das moderne Delikt Sandstehlen, den Chemnitz-Skandal und das Glysophat-Unding. Dass er den Plastik-Umweltskandal drastisch schilderte, belohnte das Publikum mit kopfschüttelndem Applaus: „Wir können es nicht den Fischen überlassen, dass sie das Problem beheben. Mancher Wal hat ja schon 80 Kilo Plastik im Magen.“

Wem sich da nicht der Magen umdreht, der ist aus hartem Holz geschnitzt. Das ist nicht zum Lachen, aber leider Gottes allzu wahr. So wahr wie die offizielle Anstellung einer „Elfenbeauftragten“ des Landes Niedersachsen. Kopfschütteln als Kennzeichen eines Rückblicks. Das Symbol seines Programms, das Pendel, das auf jede Bewegung mit einer Gegenbewegung reagiert, passte hervorragend zum Stimmungsbild einer Vergangenheit, die Jörg mit dem Wort des Jahres 2010 garnierte, „alternativlos“. So ein Jahresrückblick von und mit Mike Jörg ist wirklich alternativlos, alternativlos gut.

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