Im Allgäu sind die Zweifel einer Mordswut gewichen

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Das Leutkircher Krankenhaus: Aller Voraussicht nach wird es den Sparplänen des Ravensburger Kreistags geopfert werden. (Foto: Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Rolf Schneider

Ehen werden im Himmel geschlossen und auf Erden geführt. Dass der Bund zwischen Allgäu (Altkreis Wangen) und Ravensburg mit überirdischem Beistand gesegnet sei, haben die Menschen im Ostteil des Kreises Ravensburg schon des Öfteren bezweifelt. Seit der lang andauernden Krankenhausdebatte über die Zukunft der Oberschwabenklinik GmbH (OSK) sind die leisen Zweifel lautem Zorn gewichen. Die OSK will bekanntlich ihr Defizit (2011 acht Millionen, 2012 rund 10,5 Millionen Miese) durch die Schließung der Krankenhäuser in Leutkirch und Isny beheben, was nicht nur den Leutkircher OB Hans-Jörg Henle befremdet. „Die Schließung brächte eine Verbesserung von 1,3 Millionen. 92 Prozent der Probleme bleiben bestehen. Da tut man so, als ob mit der Schließung die Probleme gelöst sind. Man stellt schon fest, dass die Solidarität zwischen Schussental und Allgäu nicht sehr ausgeprägt ist.“

„Nicht sehr ausgeprägt“ – man merkt: Leutkirchs OB ist ein diplomatischer Mensch. Andere Betroffene neigen mehr zum Klartext. Dieter Hechelmann, Vorsitzender des Fördervereins zum Erhalt des Isnyer Krankenhauses: „Wenn geschlossen wird, dann ist dies einer der schwärzesten Tage, und dann hat man eine Mordswut. Wenn die Häuser mal geschlossen sind, dann sind sie weg. Wir sind Bauernopfer. Man fühlt sich in die letzte Reihe gedrängt.“ Rosemarie Miller-Weber, Vorsitzende des Fördervereins Pro Krankenhaus Leutkirch, ist nach Jahren engagiertesten Einsatzes ebenfalls der Desillusionierung nahe: „Das Verhängnis ging vor zwei Jahren los, als Leutkirch nur die notwendigste Personalausstattung erfuhr. Seit dem OSK-Verbund war Leutkirch immer ausgeliefert. Wir können nur bitten, aber wir finden kein Gehör.“ Den frommen Wunsch des Isnyer Krankenhauskämpfers Hechelmann, dass der Herrgott eingreifen möge, konterte sein Bürgermeister Rainer Magenreuter lakonisch: „Bei der CDU brauchen sie darauf nicht zu mehr zu hoffen.“ Rosemarie Miller-Weber, als Bankdirektorin der rauen Realität verpflichtet, weiß nun, was sie geahnt hat: „Wir waren schon immer lästig. Du bist ohnmächtig, wenn die politischen Kräfte gegen dich sind. Das ist keine Sachfrage, sondern eine Machtfrage.“

Unbehagen mit Tradition

Das Erstaunen der Grünen, dass die Allgäuer „so emotional“ reagieren, erklärt sich wohl nur aus der räumlichen Distanz, die sich im menschlich-politischen Verhältnis spiegelt. In einem Ehescheidungsverfahren wäre ein Großteil dieser Differenzen als „seelische Grausamkeit“ justiziabel. In der Kommunalpolitik wird den Menschen im Ostteil des Kreises Ravensburg ein Cocktail der Grausamkeiten zugemutet.

Dass das Ravensburger Heilig-Geist-Spital erhalten, Leutkirch aber zugemacht werden soll, findet nicht nur der Leutkircher OB („beide Häuser haben gleichviel Verluste gemacht, aber Leutkirch wird geschlossen“) „unfair“. Und was den Umbau der Zentralklinik St. Elisabeth in Ravensburg angeht, hat das Unbehagen der Nicht-Ravensburger Tradition. Der Isnyer Hechelmann: „Ich hab' schon immer Bauchweh gehabt, als man das Projekt EK in Angriff genommen hat. Ursprünglich waren 120 Millionen im Gespräch, jetzt sind wir bei 240 Millionen.“ Der Umbau soll um 40 bis 50 Millionen teurer kommen als der aus Ravensburger Sicht unerwünschte Neubau auf Weingartner Grund, was das Bauchweh nicht lindert. Henle: „Das wird über die Kreisumlage aufgebracht.“ Dass das Leutkircher Krankenhaus vor zwei Jahren für über 20 Millionen runderneuert wurde, dass die ehemalige OSK-Chefin Elizabeth Harrison Zusagen für Isny machte, die nie eingehalten wurden, dass 60.000 Menschen im Ostteil des Kreises bald „vom Krankenhaus freigestellt“ (Henle) sind und im Notfall auf winterlichen Straßen unzumutbare Verhältnisse vorfinden – all dies wird die Schließungen ebenso wenig aufhalten wie ein Uralt-Abkommen von 1970, welches den Bestand der Isnyer Kliniken garantieren soll, und welches das Landratsamt flugs als „Störmanöver“ einstufte. Am heutigen Freitag wird der Kreistag wohl „mit einer ganz satten Mehrheit“ (OB Henle) die Schließung der Krankenhäuser Isny und Leutkirch absegnen und die Worte des Leutkircher Pfarrers Siegfried Kleih bei einem Ökumenischen Gottesdienst vergangenen Sonntag im Krankenhaus Leutkirch werden so etwas wie ein vorgezogenes Adieu sein. Kleih: „Wenn einseitig der berechnende Mensch immer mehr Lebensbereiche sich unterwirft, dann geht mehr kaputt als gute medizinische Strukturen. Dann regiert nur noch der Zynismus der Zahlen.“ Die Allgäuer fühlen Kälte – nicht nur witterungsbedingt.

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