„Ihr müsst wissen, was unser geschichtliches Erbe ist“

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 Geschichte ganz nah: Michael Göring hat seinen Roman „Hotel Dellbrück“ vorgestellt.
Geschichte ganz nah: Michael Göring hat seinen Roman „Hotel Dellbrück“ vorgestellt. (Foto: Sabine Centner)
Sabine Centner

Unbegleitete Minderjährige auf der Flucht. Angst, Heimatlosigkeit, Entwurzelung und Verlust. Themen, die uns die große Flüchtlingsbewegung seit 2015 fast täglich vor Augen führt. Und die es doch auch schon zu früheren Zeiten gab: Tausende von jüdischen Kindern wurden Ende der 1930er-Jahre ins Ausland „verschickt“, um sie vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Sicherheit zu bringen. So wie Sigmund Rosenbaum, Siggi genannt, 15 Jahre alt, Jude und Waisenkind.

Rosenbaum ist die zentrale Figur in Michael Görings neuem Roman „Hotel Dellbrück“, erschienen im September 2018. Am Mittwoch hat Göring in der Leutkircher Gemeinschaftsschule aus seinem Buch gelesen – und dabei eine faszinierende Verknüpfung von Literatur und Geschichte, Politik und dem Appell an die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen geboten.

90 Schüler lauschen gebannt

Rund 90 Schüler aus den Klassenstufen neun und zehn folgen über mehr als zwei Unterrichtsstunden hinweg konzentriert einem Mann mit außergewöhnlichem Erzähltalent. Michael Göring, Vorstandsvorsitzender der renommierten Zeit-Stiftung in Hamburg und erfolgreicher Buchautor, liest nicht nur akzentuiert und mit wohlklingender Stimme aus „Hotel Dellbrück“, sondern macht Geschichte im lebendigen Dialog mit den Jugendlichen hautnah erfahrbar.

„Könntet Ihr Euch vorstellen, als 15-Jährige in ein fremdes Land zu gehen? Ganz allein, ohne Sprachkenntnisse?“, fragt der 62-Jährige seine jungen Zuhörer. Sigmund, der „Judenlümmel“, wie ihn sein Geschichtslehrer schmähte, muss genau das tun. Seine Pflegeeltern glauben ihn in Deutschland nicht mehr sicher, nachdem in der Reichspogromnacht 1938 jüdische Synagogen und Geschäfte niederbrannten. Sie setzen ihn in einen Zug nach England, dessen Zivilgesellschaft – vor allem Quäker, Methodisten und Katholiken – sich bereit erklärt hatte, 10 000 jüdische Kinder aus Deutschland und Österreich aufzunehmen.

Siggi hat großes Glück, er kommt in eine liebevolle Familie, spricht bald Englisch, findet Freunde, studiert. Und doch: 1949 zieht es ihn zurück nach Deutschland. Er gründet eine Familie, unterrichtet an seiner früheren Schule und muss bald feststellen: Ehemals glühende Nazis sind wieder da, auch als Lehrer, die Juden dagegen sind vergessen. „In den 50er- und 60er-Jahren wollte niemand wissen, was mit den Juden passierte“, sagt Göring. Ihn selbst freilich lässt das Thema seit seiner Jugend nicht los („schon wegen meines Namens“). Er recherchiert die historischen Fakten und besucht alle (realen) Orte, an denen er seine (fiktiven) Personen in „Hotel Dellbrück“ ansiedelt.

Auch der Sohn flüchtet

Und er beschäftigt sich mit der Frage, was erlebte Traumata früherer Generationen mit deren Nachkommen machen. Sigmunds Sohn Frido etwa, geboren 1955, kommt mit seiner Heimat nicht wirklich zurecht, dem Deutschland der Nachkriegszeit. Auch er „flüchtet“. Freiwillig, zunächst nach Indien, in einen Baghwan, und später nach Australien.

Als er im Jahr 2018 zu Besuch nach Deutschland kommt, ins Hotel Dellbrück, jenes Bahnhofshotel, das einst seinen Großeltern gehörte und in dem sein Vater geboren wurde, ist dieses kein Hotel mehr, sondern eine Flüchtlingsunterkunft. Fridos Gespräche mit jungen Syrer Djad, der jetzt dort lebt, fügen den Themen Flucht, Heimat beziehungsweise Heimatlosigkeit und Suche nach der eigenen Identität ganz neue, aktuelle Perspektiven hinzu.

Für Schulleiter Jan-Henning Gesierich-Kowalski bietet das Buch „gelebte Geschichte“, für die Schüler der Gemeinschaftsschule rundet der Vormittag mit Michael Göring – just am 8. Mai, dem Tag, als 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende ging – die Beschäftigung mit den Themen Nationalsozialismus, Judenverfolgung und Holocaust ab. Hubert Moosmayer wiederum, Sprecher des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der Göring eingeladen hatte, mahnt die Jugendlichen: „Es ist an Euch, dafür einzustehen, dass nie mehr passiert, was damals geschah.“ Genau das ist auch Michael Görings Botschaft, wenn er den Jugendlichen mit auf den Weg gibt: „Ihr müsst wissen, was unser geschichtliches Erbe ist.“

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