Grundgesetz besticht durch „Klarheit und Schlankheit“

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 Birgül Akpinar beim Podiumsgespräch in Leutkirch-Urlau zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes.
Birgül Akpinar beim Podiumsgespräch in Leutkirch-Urlau zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes. (Foto: Veranstalter)
Schwäbische Zeitung

Mehr als 50 Gäste haben in der Vorwoche im „Weißen Saal“ der Genussmanufaktur in Leutkirch-Urlau den 70. Geburtstags des Grundgesetzes gefeiert. Nach einer kurzen Einleitung zum Thema durch den Gastgeber und Moderator des Abends, Raimund Haser, sprachen die geladenen Referenten Ulrich Müller und Birgül Akpinar Aspekte des Verfassungsjubiläum an.

Müller, der für die CDU 24 Jahre im Landtag saß und es bis zum Staatsminister gebracht hatte, nahm laut Pressebericht die Zuhörer mit einem anschaulichen und lebhaften Vortrag mit auf eine Reise von Artikel 1 bis 146. „Der Bürger muss zu jeder Zeit das Subjekt der Politik sein, nicht das Objekt“, legt der Referent den ersten Verfassungsartikel aus. Ebenso wie die restlichen Menschenrechte bis einschließlich Artikel 20 und die Verschränkung der Gewalten in ihrer Machtausübung fänden derartige Aussagen uneingeschränkten Zuspruch in der breiten Bevölkerung. Viele Bestimmungen des Grundgesetzes würden in der Öffentlichkeit jedoch keineswegs ein so hohes Ansehen genießen. Ulrich Müller nennt hier das Berufsbeamtentum, die politischen Parteien oder das Staatskirchenrecht. Der ebenfalls auf dem Podium anwesende Rechtsanwalt Mark Siebler griff Müllers Anliegen auf, das Grundgesetz nicht zu überfrachten. „Auch wenn es sich im ersten Moment richtig anhören mag, neue Werte und gesellschaftliche Vorstellungen durch Aufnahme ins Grundgesetz einen besonderen Stellenwert zukommen zu lassen, müssen wir da aufpassen. Seine Klarheit und Schlankheit macht es so universal und praktikabel“, so Siebler.

Birgül Akpinar nahm den Abend zum Anlass, um ihre eigene Geschichte vor dem Hintergrund des Grundgesetzes Revue passieren zu lassen. Die aus Anatolien stammende Alevitin hat sich während ihrer Zeit bei der Bundeswehr dafür entschieden, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen und bewusst ihre Türkische dafür aufzugeben. Bis ins Jahr 2000 wäre es noch möglich gewesen, zwei Pässe zu beantragen. „Für mich war das eine emotionale Entscheidung und ein bewusstes Bekenntnis“, betont Akpinar und erklärt, wie es dazu kam. „ Meiner Mutter war es immer wichtig, dass ich mir vor Augen halte, dass wir als Aleviten in der Türkei nie ganz anerkannt waren. In Deutschland kann ich meine persönliche Religion und Weltanschauung frei leben. Das ist von unschätzbarem Wert.“

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