Glas – ein Material, das ewig hält

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 In der Fondamenta dei Vetrai in Murano reihen sich zahlreiche Geschäfte aneinander - die meisten bieten traditionell hergestell
In der Fondamenta dei Vetrai in Murano reihen sich zahlreiche Geschäfte aneinander - die meisten bieten traditionell hergestellte Glaskunst an. (Foto: Andreas Engelhardt/dpa)
Babette Caesar

Glas ist heute ein Material, dass den meisten Menschen als selbstverständlich und jederzeit verfügbar erscheint. Wie komplex die Herstellungsprozesse sind und wie es mit der Produktion vor rund 4000 Jahren überhaupt angefangen hat, vermittelte am Mittwochabend der Vortrag von Johannes Stöhr im Hotel zur Post. Im Rahmen der Heimatpflege Leutkirch unternahm er einen Parforceritt durch die Geschichte des Glases.

Schon viele Berufe habe der aus einer Leutkircher Familie stammende Johannes Stöhr gehabt, eröffnete Burkhard Zorn, Vorstand der Heimatpflege, den Abend. Dabei stehen die Beziehung zum Glas und die archäologische Auseinandersetzung mit dem Material des ehemaligen Industrieglasmeisters im Mittelpunkt. Erstaunlich sei, wie lange sich Glas über die Jahrtausende erhalte. Womöglich würden sich Archäologen in 4000 Jahren fragend anschauen, wenn sie Cola- und Speziflaschen aus dem Boden holen. Zorn verwies zudem auf die Zeiten beispielsweise im Kanton Uri, als für Fensterglas noch Kuhhäute verwendet wurden. Das, um sich einmal mehr klar zu machen, welchen Einfluss Glas bis heute auf die Atmosphäre im Bereich des Wohnens nimmt.

Stöhr ist Elektriker, Berufsfeuerwehrmann und nach seiner beruflichen Laufbahn in der Glasmacherindustrie aktiv in der Heimatpflege und Archäologie tätig. So schwärmte er am Abend auch von seinen jüngsten Forschungen in der Urlauer Tann. Drei Wochen lang habe er Hügelgräber aus der Zeit von 1500 vor Christus ausgegraben. Seine „Zeitreise durch die Geschichte des Glases“ begann mit dem Zeichen der Glasmacher, für die „Das Unendliche Kreuz“ steht. Was ist Glas überhaupt, das in seiner Grundform keinen festen Stoff bildet, sondern aus vielen verschiedenen Rohstoffen und chemischen Prozessen entsteht?

Angefangen in der Antike als Produkt aus Salzpflanzen aus dem Meer und Natrium als Flussmittel. 6000 vor Christus hat es die ersten Glasuren gegeben, wonach um 2000 vor Christus mit der Herstellung von pastenartigen Glasmassen begonnen wurde. Stöhr machte die Komplexität des Glasmachens deutlich. Wieviel Wissen und Feingefühl beim Gießen, Blasen, Pressen und Ziehen in frühen Zeiten nötig war. Glasmacher bedürften einer ungeheuren Geschicklichkeit und Erfahrung. Er selbst habe beim Versuch des Mundblasens kapituliert.

Wie die Farbe ins Glas kam, erläuterte er sehr anschaulich. Generell unter Zugabe von Metalloxyden. Wenn es sich allerdings um weißes Glas handelt, seien sie die größten Feinde. Im Falle von braunen Bierflaschen komme Kohle und Schwefel zum Einsatz. Exemplarisch gab er den Zuhörern einige Scherben römischen Glases in die Hand. „Wenn man es gegen das Licht hält, sieht man, dass der Schmelzprozess nicht so perfekt ist“, beschrieb er die Qualität der rund 1800 Jahre alten Fundstücke aus Kempten.

Im „Schweinsgalopp“ durchstreifte Stöhr die Geschichte des Glases. So habe sich 650 vor Christus in Ägypten das älteste Glasrezept in Form einer Keilschrift gefunden. Bestehend aus „drei Teilen Meersand, 180 Teilen Asche, zwei Teilen Salz, einem Teil Kreide“. 100 vor Christus wurde die erste Glasmacherpfeife in Sidon im einstigen Phönizien gefunden.

Venedig – Hochburg der Glasmacher

Mit Beginn der Kreuzzüge stiegen Venedig und die Insel Murano zur Hochburg der Glasmacher auf. Hier standen die meisten Glashütten des alten Europas, und von hier kamen das Kristallglas, die Millefioritechnik und das Fadenglas. Immer wieder flocht Stöhr Anekdoten ein. So die von der Entstehung des Goldrubinglases von 1679. Im Streit mit seiner Frau habe Johannes Kunckel seinen Ehering in ein Glas geworfen, das sich daraufhin rot verfärbt haben soll. Oder sein humoriger Kommentar „Er schafft, sie tappt“ zur Rollenverteilung in einer Glasmacherei um 1890. Selbst hat er seine Ausbildung im Bayerischen Wald absolviert. Dort, wo einst die Meister auf dem „Bankerl“ saßen und die Einbläser, Fertigbläser und Stielzieher um sie herum arbeiteten.

In Leutkirch erzähle man sich, dass ein Milchhändler bis in die 1950er-Jahre mit einem Schäferhundgespann Glas transportiert habe. Heute, so Stöhr, sei die Glasindustrie ein riesiges Spektrum. In der Bad Wurzacher Hütte, wo Getränkeflaschen, Verpackungsglas und Konservenglas produziert werden, würden die Leute mit dem Fahrrad über das weitläufige Gelände fahren. Aufkommende Fragen galten der Wiederverwertung, für die sich Flachglas nicht eigne, oder warum sich helle Bierflaschen und braune Saftflaschen einfach nicht vermarkten ließen.

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