Giulia Biagetti bringt Licht und Freude

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 An der Orgel ganz groß: Giulia Biagetti.
An der Orgel ganz groß: Giulia Biagetti. (Foto: Bernd Guido Weber)
Bernd Guido Weber

Ein absolutes Highlight beim letzten Konzert der diesjährigen Reihe „Orgelmatinee zur Marktzeit“. Staunen und langer, herzlicher Applaus.

Giulia Biagetti, Domorganistin aus Lucca in der Toscana, interpretiert Werke, die man sonst nie oder höchstens ganz selten hört. Und wie! Funkelnd, brillant: tatsächlich „Luce e Goia“ – Licht und Freude, so das Thema der Matinee in St. Martin.

Aufbrausende Akkorde

Die Domorganistin, Orgellehrerin und Leiterin diverser Konzertreihen eröffnet mit „Venus Toccata“ von Carol Williams (geboren 1962). Die ist in den USA sehr populär, was zum einen an ihrem Youtube-Kanal liegt, „on the bench“, mit ihr auf der Orgelbank. Zum anderen ist ihre Musik durchaus eingängig, mit aufbrausenden, dominierenden Akkorden, die sie dann gut durchhörbar variiert.

„Fountain Reverie“ von Percy Fletcher (1879-1932) kommt dagegen ruhig-romantisch, gefällig dahinplätschernd, in zarten Farben hell aufsteigend. Der nie im Vordergrund stehende Bass bildet einen reizvollen Kontrast zu den silbrig funkelnden Tönen. Schon schön.

In Vergessenheit geraten

Der Hammer aber ist die fünfsätzige Sonata op. 40 von Rene Louis Becker (1882 – 1956). Der gebürtige Elsässer, der früh in die USA – Detroit, Michigan - auswanderte, ist lange in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht! Becker bezieht sich auf Bach und die großen französischen Meister der Orgel, entwickelt daraus eine ganz eigene, faszinierende Tonsprache. Das „Praeludium festivum“ ist festlich, prunkvoll, verlangt bereits hohes virtuoses Können. Da glänzt Guilia Biagetti.

„Dialogue“ entwickelt sich zart, aus recht einfachen Melodien. Ein versonnenes Zwiegespräch, angenehm in diesen großmäuligen Zeiten. Das „Scherzo“ flott, flirrend, reichhaltig ausgestaltet.

Erst ruhig, dann furios

„Prayer“ ist naturgemäß ruhig, innig, transparent. Furios der Schlusssatz „Toccata“: Da fliegen die Finger von Giulia Biagetti mit fast schwindelerregender Geschwindigkeit über die Tastatur, Rasanz, Temperament, Virtuosität. Dies zu hören, und auf der großen Leinwand auch zu sehen, ist ein rares Erlebnis.

Lyrisch dann „Ellylon“ des Leverkuseners Hans-Andre Stamm (geboren 1958). Das einstige Orgel-Wunderkind breitet eine friedliche Landschaft aus.

Wunderschöne Melodien auch bei „Cavatina“, bevor es in der „Toccata alla celtica“ zur Attacke geht. Vorwärtsgelegt, mit viel Fußarbeit, grell aufsteigend, wuchtige Einschübe, Veränderungen in kleinen Schritten.

Viel Arbeit

Ein tolles Programm, ein mehr als würdiger Abschluss dieser von Bezirkskantor Franz Günthner organisierten Orgelreihe. Die im kommenden Jahr hoffentlich weitergeht, hoffentlich ohne die Corona-Beschränkungen. Die machen dem freundlichen Team viel Arbeit. Und beeinträchtigen durch die weiten Abstände zwischen den Plätzen das gemeinschaftliche Musikerlebnis denn doch.

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