Initiative gegen Demenz in Leutkirch: Märchen sollen Langzeitgedächtnis aktivieren

 Märchenerzähler Sven Eulenberger mit Glöckchen und Fan-Gemeinde.
Märchenerzähler Sven Eulenberger mit Glöckchen und Fan-Gemeinde. (Foto: Vinzenz von Paul)
Schwäbische.de

Alte Menschen und Märchen? Das ist doch eher etwas für Kinder, oder nicht? Das Erstaunen über regelmäßige Märchenstunden in der Tagespflege Carl-Joseph in Leutkirch war anfangs groß. Aber schon beim ersten Auftritt von Erzähler Jens Eulenberger haben sich sämtliche Vorbehalte verflüchtigt, wie die Einrichtung in einer Pressemitteilung berichtet.

Seitdem könnten es viele Gäste der Tagesbetreuung kaum erwarten, wieder in den Genuss von Figuren wie Rapunzel oder Rotkäppchen zu kommen. Rita Kullick und Helga Weiss wären sogar bereit, drastische Maßnahmen dafür zu ergreifen, sie sagen: „Wir sollten ihm einen goldenen Käfig bauen, damit er jederzeit so schöne Märchen erzählen kann!“

AOK-Initiative

Auch wenn es schwer fällt, haben die Seniorinnen und Senioren Eulenberger bis zum nächsten Mal doch wieder ziehen lassen. Und natürlich geht es bei der landesweiten Initiative um deutlich mehr, als älteren Menschen lediglich eine unterhaltsame Stunde zu bereiten. Die Initiative „Es war einmal … Märchen und Demenz“ wird von der AOK als Präventionsmaßnahme finanziert.

In Baden-Württemberg beteiligen sich rund 50 Pflegeeinrichtungen. Ziel ist es, durch regelmäßige Märchenstunden entlastende Momente im Alltag zu schaffen. Sowohl für das Personal, als auch für die Zuhörerinnen und Zuhörer. Eines der Potenziale der Märchen ist dabei die Aktivierung des Langzeitgedächtnisses. Insgesamt will die Initiative für mehr Wohlbefinden und Lebensqualität aller sorgen.

Zauberhafte Atmosphäre

„Das funktioniert wirklich ganz hervorragend“, bestätigt Carmen Kreuzer, die die Tagespflege Carl-Joseph leitet. „Wir haben das besonders an einer Frau im Publikum gesehen, wie positiv das wirkt.“ Die als unruhig geltende Dame habe es auf Anhieb beim ersten Mal geschafft, 20 Minuten konzentriert den Worten des Erzählers zu lauschen. „Inzwischen gelingt ihr das während der ganzen Stunde.“

Die zauberhafte Atmosphäre ziehe die Gäste der Tagespflege komplett in ihren Bann. Auch Mitarbeitende bekämen große Kinderaugen, wenn der speziell ausgebildete Sven Eulenberger von Dornröschen, Frau Holle oder Rapunzel erzähle. „Wie das unsere Gäste unmittelbar berührt, kann man daran sehen, dass sie die Märchen zum Teil sogar mitsprechen“, erklärt Carmen Kreuzer.

Wissenschaftliche Begleitung

Die Märchen-Initiative wird wissenschaftlich begleitet. Die Tagespflegeeinrichtung muss regelmäßig Evaluations-Bögen ausfüllen und die Studienleiter über Fortschritte und Wirkungen informieren. „Es ist erstaunlich, wie Vieles aus der Kindheit noch da ist“, sagt Carmen Kreuzer. Das stoße sehr viel an und öffne die Menschen für neue Gesprächsthemen.

Wichtige Elemente der Märchenstunde – jetzt und in Zukunft: die Requisiten. Im Märchenlandkoffer befinden sich neben Märchenbuch und einem Memory-Spiel auch Ausmalblätter. Das Vorbild Sven Eulenberger trägt zudem bei jeder Märchenstunde ein prächtiges Gewand. Der Beginn wird stilecht mit einem Glöckchen eingeläutet.

Auf Sven Eulenberger werden die Gäste künftig zwar verzichten müssen, auf die Märchen aber nicht. Sie sollen langfristig zum festen Bestandteil der Tagespflege und darüber hinaus werden. „Im Moment sind drei Kolleginnen in der Weiterbildung“, sagt Carmen Kreuzer. Gelehrt werden unter anderem die richtige Sprache und Betonung, um die Zuhörerinnen und Zuhörer zu fesseln.

Reise in die Vergangenheit

„Supervision und wissenschaftliche Begleitung bleiben weiterhin bestehen.“ Damit das Team aus Leutkirch von den Erfahrungen vor Ort berichten kann und so einen Beitrag leistet, die Präventions-Initiative weiterzuentwickeln und noch besser zu machen.

Aus Sicht von Edeltraud Backes, Besucherin der Tagesbetreuung, geht es allerdings kaum besser. Sie sagt: „Es war eine Reise in die Vergangenheit, ich hätte früher als Kind auch gerne Märchen gehört, aber damals hatte man zu wenig Zeit.“

Und Frau Elvira Schapke meint: „Es war so schön erzählt! Es war, als ob ich es selbst miterlebt hätte. Dank unseres Märchenerzählers war es nicht nur was Schönes für die Ohren, sondern auch für die Augen“. Bei solchen Stimmen ist es kein Wunder, dass die Gäste auf die Idee mit dem goldenen Käfig gekommen sind.

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