Es muss dringend etwas getan werden

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 Im Prinzip sind sich alle einig: Peter Aulmann (Elobau-Stiftung) mit den Podiumsgästen Sarah Wiener, Tobias Bandel, Linda Kelly
Im Prinzip sind sich alle einig: Peter Aulmann (Elobau-Stiftung) mit den Podiumsgästen Sarah Wiener, Tobias Bandel, Linda Kelly und Andreas Bartsch. (Foto: Bernd Guido Weber)
Bernd Guido Weber

Ein hochinteressanter Film: „Unser Boden, unser Erbe“. Eine informative Diskussion: auf dem Podium die Biobäuerin des Jahres 2019, ein konventionell wirtschaftender Landwirt, ein Fachmann für Zahlen und Bewertungen, dazu die Powerfrau Sarah Wiener. Moderiert von Peter Aulmann, Vorsitzender der Elobau-Stiftung, gut vorbereitet. Eine voll besetzte Festhalle, trotz Corona-Virus, beim Premierenabend von „Unser Erbe“ und dem anschließenden Podiumsgespräch „Boden gut machen“.

Fazit: Schnelle Lösungen gibt es nicht. Aber es muss dringend etwas getan werden, um die Qualität unserer Böden zu erhalten, zu verbessern. Ehrliche Landwirte gemeinsam, egal ob Bio oder konventionell. Und die Konsumenten müssen lernen, ihre Nahrung wieder wertzuschätzen.

Ein freundliches Lächeln

Bis zum Freitagmorgen ist angesichts der neuen Coronafälle in der Umgebung nicht klar gewesen, ob diese Veranstaltung überhaupt stattfindet,. Dann die E-Mail der Elobau-Stiftung, die gemeinsam mit der VHS und dem Umweltkreis eingeladen hat: Ja, wir machen es. Es gebe keine Warnung der Behörden. Aber bitte statt Händeschütteln ein freundliches Lächeln. Lange hat man nicht mehr so viele lächelnde Menschen gesehen!

Der 70-minütige Dokumentarfilm zu Beginn ist absolut sehenswert. Regisseur Marc Uhlig hat Achim Heitmann vom Demeterhof Höllwangen oberhalb Überlingens ein ganzes Jahr begleitet, gibt einen tiefen Einblick in Leben und Arbeit der Hofgemeinschaft. Demeter setzt strengere Maßstäbe als Bioland und andere Öko-Labels. Die Arbeit auf den Gemüsefeldern ist hart, bückintensiv, bringt aber auch Freude, Zufriedenheit.

Die Sorgen

Thematisiert werden die Sorgen: Dass der Aufwand immer größer wird, um die Qualität des Bodens zu erhalten, die Verkaufserlöse dagegen nicht steigen. Der Klimawandel ist zu spüren, mit Starkregen, der Erde wegspült, trockenem Frühling und heißem Sommer.

Der junge Regisseur Marc Uhlig – Aulmann stellt ihn launig vor – hat auch einen konventionell arbeitenden Landwirt im Kraichgau besucht. Lässt Wissenschaftler, Experten zu Wort kommen. Die konstatieren, unter anderem, dass Humusdichte bislang nicht in die Kalkulation einfließe, weder beim Verkauf der Feldfrüchte noch beim Verkauf des Landes. Offensichtlich herrscht noch der Glaube, mit Chemie und Produkten aus dem Lagerhaus werde es schon werden. Vor allem bei den renditeorientierten Agrar-Großbetrieben in Deutschlands Osten, aber auch hier, das Bild auf die Erde der Mais-Monokulturen ist trostlos. Entfremdung vom Mutterboden, vom jahrtausendealten Erbe.

Die leere und die volle Welt

Filmmacher Uhlig wirft einen Blick auf das Projekt „Solidarische Landwirtschaft“ in Ravensburg. Stellt fest, dass früher ein Landwirt zehn Menschen ernährt hat. Heute sind es 155. Nachdenklich macht ein Statement des Philosophen Ernst-Ulrich von Weizsäcker. Er spricht von der „leeren Welt“, damals, und der „vollen Welt“, heute. Die Gedanken, Ideen zu Philosophie und Ökonomie stammten alle aus der vergangenen „leeren Welt“, so von Weizsäcker. Unbrauchbar für die heutige „volle Welt“. Der Applaus nach diesem Film ist lange und herzlich.

Bei der Podiumsdiskussion geht es überraschend einig zu. Alle betonen die Notwendigkeit der Agrarwende, der Abkehr vom bisherigen politischen Fördersystem, von der höheren Wertschätzung der Arbeit und der Produkte. Regionale, bäuerliche Landwirtschaft. Am Mikrofon fehlt schlicht ein Verfechter der jetzigen Agrarpolitik. Und Landtagsabgeordneter Raimund Haser (CDU), als Diskutant eingeladen, liegt mit grippalen Infekt flach. Wobei Haser bekanntlich moderat und Veränderungen aufgeschlossen, kein Hardcore-Agrarlobbyist ist.

Die Diskutanten

So begrüßt Aulmann auf dem Podium den Bauern Andreas Bertsch aus dem Kraichgau, konventionell wirtschaftend, aber mit Öko-Sympathie. Er sorgt für seinen Boden, Tendenz: weg vom chemischen Pflanzenschutz. Die Öko-Bäuerin Linda Kelly aus Herdwangen bei Überlingen, die auf 300 Hektar mit ihrer großen Familie unter anderem Süßlupinen anbaut, Kaffee, Nudeln, Flocken daraus vermarktet. Mit Herzblut. Tobias Bandel von der Beratungsfirma „Soil & More Impacts B.V.“, tätig in der Sparte Agrar/Finanzen.

Und Sarah Wiener, Betreiberin eines 800-Hektar großen Hofes bei Berlin mit eigener Schlachtung und Bäckerei. Autorin, Restaurant-Inhaberin, Imkerin, Stifterin, und seit 2019 für die österreichischen Grünen im Europaparlament. Wiener setzt die markanten Noten. „Wir haben keine Wertschätzung für die Nahrung mehr, keine Verbindung zu den Lebensmitteln, die wir essen.“ Alles komme aus kleingehackten, auch globalen Lieferketten. „Weil alles so billig, kann man den Überfluss in die Tonne treten. Wir haben den Boden unter den Füßen verloren.“ Auch die Empathie für unsere Nutztiere, für das Tierwohl. Es gibt ja schreckliche Beispiele – auch bei uns.

„Einfach sinnvoll“

Berater Bendel fordert von seinen Klienten, den Boden durch Bedeckung mit Pflanzen zu schützen. „Das ist ja nicht anthroposophisch, sondern einfach sinnvoll.“ Das „Naturkapital“ Boden werde künftig in Bezug auf Wasser, Humus, Fruchtbarkeit, auf künftigen Erfolg bewertet. „Das wird bereits vom Finanzmarkt erkannt.“ CO2-Zertifikate werden, so Bendel, künftig nicht nur mit Aufforstungen in Costa Rica oder Burkina Faso aufgerechnet, sondern auch mit der CO2-Bindung der hiesigen Landwirtschaft. Könnte ein zusätzliches finanzielles Standbein werden.

Vehement geht es in der Diskussion um die „GAP“, die gemeinsame europäische Agrarpolitik. Viele Milliarden Euro werden für reine Flächensubventionen gezahlt. Die zweite Säule, Gelder für naturnahe Landwirtschaft und Landschaftspflege, ist viel kleiner. „Das ist eine Reparaturzahlung für das, was die erste Säule kaputtmacht“, sagt Sarah Wiener. Bei den Subventionen laufe alles schief, was schieflaufen könne, die Schere zwischen den kleinen Bauern und der Agrarindustrie gehe immer weiter auseinander. Im Bauernverband säßen auch die Landmaschinenfirmen, die Saatguthersteller, die oft Chemiefirmen seien. Die verarbeitende Lebensmittelindustrie, die Handelskonzerne. Es gebe zu wenige regionale Verbände. Wieners radikale Forderung: Weg mit allen Subventionen! Freiheit für die Bauern! Und weiter: „Wir dürfen keinen Krieg gegen die Natur führen, auch keinen gegen die Bauern. Sondern gegen dieses System.“

Selbst entscheiden

Linda Kelly sagt, welche Freiheit ihrer Familie die Umstellung auf „bio“ gerbracht habe. „Jetzt können wir selbst entscheiden, was wir anbauen.“ Und sie schildert Probleme, ihre A-Ware loszuwerden. „So viele Umstellungen drücken auf den Markt.“ Manchmal verliere sie den Glauben in die Politik. Andreas Bertsch ebenso. Würde das „Greening“ bei den Flächensubventionen umgesetzt im Sinne der Ökologie, wäre das sinnvoll. „Aber es hakt bei der Politik wie bei der Verwaltung.“ Bei der zweiten Säule fehle es ebenso an fähigen Köpfen in der Verwaltung.

Schlussrunde. Peter Aulmann fordert keine Lösungen, sondern „schöne Ideen“. Andreas Bertsch will Bodenverdichtungen möglichst vermeiden, den Klimawandel erkennen und den Boden so bearbeiten, dass er Wasser speichern und wieder abgeben kann. Linda Kelly tritt für das Ende des Konflikts zwischen „öko“ und „konventionell“ ein. „Ehrliche Landwirte können gemeinsam eine Lösung finden“. Meint auch Bendel – man sei sich mehr als 50 Prozent einig, darüber solle man sich verständigen, nicht den Streit ewig schüren.

Die Vielfalt im Boden

Sarah Wiener stellt fest: „Es gibt nicht eine Lösung.“ Auch Bio sei ja nur eine „trademark“ unter vielen Anbauformen. Nahrung müsse regional und ökologisch sein. Frisch und vielfältig. Wiener, stets für überraschende Gedanken gut, spricht über das „Bionom“, das derzeit angesagte Thema „Mikroorganismen im menschlichen Darm“. „Diese Vielfalt finden wir auch im Boden.“ Dort ebenso bedroht von Pestiziden, Antibiotika. Und, etwas sphärisch: „Es reicht vielleicht, etwas für sich zu tun, dann strahlt es bis ins All aus.“

Großer Beifall für die Beiträge. Matthias Hufschmid von der VHS dankt allen mit einer etwas bescheiden anmutenden Leutkirch-Tasche. Darin Gutsele, und Kräutertees. Hoffentlich ohne künstliche Aromen, so Sarah Wiener.

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