Eine kugelrunde Sache

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Tot (links) kämpft gegen die Last der Kugel.
Tot (links) kämpft gegen die Last der Kugel. (Foto: Lilli Schneider)
Rolf Schneider
Redakteur

Es gibt ein paar Dinge, die wirken wie ein bisschen aus der Welt gefallen: Marionettentheater, geballt-versteckte kirchliche Weisheiten und junge Menschen, die sich als Botschafter christlichen Lebens verstehen: „Ich bin in Deiner Hand und das ist klar“ heißt es schon gleich im Anfangssong. Schwerer Fall von Jesus-Trip?

Leichter Fall und Missionierung soft. Der Wetterbericht kündete den ganzen Donnerstagnachmittag heftige Regengüsse an, doch der Herr nicht nur des Wetters verschont die Seinen von Unbill, weshalb die Theatergruppe „Crowd & Rüben“ nach einem halben Dutzend Lieder nach Einbruch der Dämmerung kurz nach Acht die Marionetten loslassen kann, auf dass sie die zahlreichen Zuschauer auf dem Kornhausplatz in „eine Welt entführen, die vielleicht gar nicht so anders ist als die unsere“.

Diese Welt ist die Insel Rüben, und Hauptdarsteller Toto weiß nicht, weshalb es ihn auf diese Insel verschlagen hat. Und noch weniger weiß er, weshalb ihm eine schwere Kettenkugel am Bein hängt, die erstens hinderlich ist und zweitens, weil das Wasser steigt, lebensbedrohlich wirken kann, wenn Toto sie nicht loswird. Das gestaltet sich genauso problematisch, wie das Loswerden alter, unguter Gewohnheiten – man könnte getrost auch „Sünden“ dazu sagen: „All deine kleine dreckige Gedankenwelt, Du kriegst sie niemals los.“

Das klingt negativ, doch die elf Studenten des Christlichen Gemeindediensts Augsburg sind der Zuversicht verpflichtet, was teilweise auch überaus witzig rübergebracht wird („Probieren geht über studieren“. Oder: „Deshalb bin ich auch kein Akademiker.“), generell überzeugt, prinzipiell aber unaufdringlich bleibt. Die jungen Leute schaffen es sogar, Kernsätze, bei denen sich weltlich orientierte Mitbürger sonst eher die Ohren zuhalten, gut rüberzubringen: „Ich bin der Kreis, ich bin das Licht, ich bin die Wahrheit.“

Natürlich geht Toto nicht unter mitsamt seiner Kettenkugel, natürlich gibt es Rettung, und natürlich kommt sie von oben: „Jesus wartet und möchte euch allen eure Kugel abnehmen.“ Die Crowd vom Rüben-Ensemble lässt Toto verschwinden, die – sehr gute – Band spielt noch ein paar Stücke, und die Leute sitzen noch lange nach Ende der Vorstellung auf dem Kornhausplatz, ein paar amüsiert, ein paar nachdenklich, allesamt aber positiv und beeindruckt.

Das Wetter hat übrigens prima gehalten, erst in der Nacht „taten sich die Fenster des Himmels auf“ (1. Mose, Kapitel 7). Die sintflutartigen Regenfälle hatten die wackeren Glaubensstreiter während ihres Leutkirch-Gastspiels verschont. Vielleicht doch kein Zufall?

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