Dieser Spohr bleibt im Ohr

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Die Kantorei St. Martin mit der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben und vier Vokalsolisten führt das Oratorium “Die letzten
Die Kantorei St. Martin mit der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben und vier Vokalsolisten führt das Oratorium “Die letzten Dinge” von Louis Spohr in der Kirche St. Martin auf. (Foto: Babette Caesar)
Schwäbische Zeitung
Babette Caesar

Minutenlangen tosenden Applaus haben die Besucher in der ausgebuchten Kirche St. Martin dem Oratorium „Die letzten Dinge“ von Louis Spohr am Sonntagabend gezollt. In großer Besetzung traten unter der Leitung von Regionalkantor Franz Günthner die Kantorei St. Martin zusammen mit der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben auf. Vier Gesangssolisten bestachen in den Textpassagen von Friedrich Rochlitz.

Den 1784 in Braunschweig geborenen Louis Spohr würde man heute als neudeutschen Multitasking-Musiker einordnen. Er war Komponist, Dirigent, Gesangspädagoge, Organisator von Musikfesten und zählte neben Niccolò Paganini zu den größten Geigern seiner Zeit. 1822 trat er sein Amt als Hofkapellmeister in Kassel an. Das in den Jahren von 1825 bis 1826 entstandene Oratorium „Die letzten Dinge“ gehört zu den berühmtesten seiner Werke, wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert oft aufgeführt und hoch gelobt für seine musikalische Qualität. In der Gegenwart angekommen, ist das Werk nahezu vergessen.

„Natürlich sind bekannte Werke Meilensteine der Musikgeschichte, aber es gibt noch so Vieles, was auch gut ist. Und wir sind inzwischen so weit, dass wir es wagen können“, sagte Franz Günthner während der Chorproben im Januar. Dass er Recht behielt, hat die Aufführung am Sonntag bewiesen. Nach dem Mozart-Requiem, Bachs Johannespassion und Haydns Nelson-Messe in den vorangegangenen Jahren nun das 90-minütige Oratorium von einem Komponisten, der auf eindringliche und empfindsame Weise Chor, Orchester und Solisten in einer homogenen Klangpracht vereint.

Schlichtheit dominiert

Mit Franz Günthner betrat einer das Pult, dem es gelang, diese komplexe Verdichtung so aufleben zu lassen, dass die von Spohr gewollte Schlichtheit dominiert. Traurig und sehnsuchtsvoll hebt die Ouvertüre im Andante grave an. Von einzeln gesetzten Paukenschlägen gehöht und in der anfänglichen Melodie an Mozarts Requiem erinnernd, nur nicht in solcher Endgültigkeit. Sinfonische Züge führen im Allegro hin zu beinah Beschwingtem und Hoffnungsfrohem, bevor der Chor stimmgewaltig mit „Preis und Ehre ihm“ einsetzt.

Mit den Solisten – Sopran Hanna Herfurtner und Alt Andrea Fessmann, Tenor Michael Nowak und Bass Franz Xaver Schlecht – hat Franz Günthner auf ein eingespieltes Quartett zurückgegriffen und auch darin eine gute Wahl getroffen. Alle vier Stimmen bestachen durch ihre Klarheit und Akzentuiertheit in den Konturen, durch ihren warmen und vollen Klang. Berührend und tief ergriffen gab sich sein Soloauftritt im Rezitativ zu Beginn des zweiten Teils der Apokalypse. Nachdem orchestral auf den ersten Teil zurückgeblickt wurde und dunkel Gestimmtes der beiden Celli zum Dramatischen überleitete. „Er kommt, der Tag der Schrecken kommt“, geht Schlechts Bass über zum Duett von Hanna Herfurtner und Michael Nowak. Beide betont dem Liedrepertoire verpflichtet, führten ein lyrisches, hervorragend harmonisierendes Wechselspiel beider Stimmen auf. So wie auch im nachfolgenden Rezitativ sich Sopran und Alt hervortaten, wenn nach der Finsternis sich ein neuer Himmel und eine neue Erde von Gott bereitet auftut.

Was die Aufführung in St. Martin auszeichnet, ist der Zusammenklang aller Akteure. Der festliche Charakter Spohrscher Chromatik tritt zu Gunsten dramatischer orchestraler Ausdrucksfarben, aufwallender, das ganze Leid intonierender Chorstimmen im Wechsel mit dem Tenor in „Gefallen ist Babylon, die Große“ zurück. Fast gänzliche instrumentale Stille herrscht anschließend in der Seligpreisung der Toten. Sehr schön kommen hier vordringlich die Vokalstimmen zum Tragen. Dichtes musikalisches Verwobensein dieses Werks beleuchteten die Ausführenden, wofür im ersten Teil die mit „Heilig, heilig“ einsetzende Partie steht. Hell und einfühlsam im Solo und Chor, die im Rezitativ tänzerisch und heiter klingen und sich musikalisch immer wieder gegenseitig befruchten.

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