Diese grünen Ziele setzt sich Vaude-Chefin Antje von Dewitz

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 Engagiert, mutig, nahe bei den Menschen: Antje von Dewitz (links) beim „Talk im Bock“ mit Moderator Joachim Rogosch.
Engagiert, mutig, nahe bei den Menschen: Antje von Dewitz (links) beim „Talk im Bock“ mit Moderator Joachim Rogosch. (Foto: bgw)
Bernd Guido Weber

Kann die Chefin einer Firma für Outdoor-Bekleidung die Welt retten? Natürlich nicht. Aber sie kann Anstöße geben für Umweltschutz, Ökologie, für ein faires und gutes Klima im Betrieb. Beim 201. Talk im völlig überfüllten Bocksaal hat Vaude-Chefin Antje von Dewitz viel Beifall für ihre Arbeit und grünen Ziele erhalten. Joachim Rogosch moderierte anfangs leicht fahrig, dann souverän.

Von Dewitz (geboren 1972 in Ebingen) ist eine hellwache, vorwärtsdenkende Frau. Überlegen muss sie bei den Fragen keine Millisekunde. „Wir verbrauchen derzeit zwei Welten, die wir ja nicht haben“, konstatiert sie. Ihr Ziel: Nachhaltigkeit auf allen Ebenen. Darüber hat sie ihre Doktorarbeit geschrieben, dies praktiziert sie im Familienunternehmen Vaude in Tettnang-Obereisenbach. Die Produktion sei klimaneutral. Noch unvermeidbare Defizite werden über „My Climate“ ausgeglichen. Dazu kommen umweltverträgliche Materialien, möglichst viele davon recycelbar. Viel Aufwand. „Was wollt ihr denn mit eurer Blümchenwiese?“, hätten Händler anfangs gefragt. Mittlerweile hat sich das Bewusstsein für Umwelt gewandelt.

Ihre Firma (500 Beschäftigte) leitet sie mitarbeiternah, familienfreundlich. Die Bio-Kantine bietet auch Biofleisch. Kinder kommen im Betriebskindergarten unter, von morgens bis abends. Ein Modell sicher auch für größere Firmen in Leutkirch. Hier wird der Ruf nach solchen Kindergärten lauter. Von Dewitz, Mutter vierer Kinder, über ihre Erfahrung vor der betrieblichen Kinderbetreuung „Öffnungszeiten des Kiga von acht bis zwölf, dazu gefühlt ein Vierteljahr zu“. Zwischenruf aus dem Publikum: „Das ist in Leutkirch immer noch so.“

Jetzt sind die Kinder größer, die Älteste 19 Jahre. Da hilft ihr Mann Wolfgang, er ist Ökobauer und Hausmann. Dafür bekommt er viel Applaus. Von Dewitz: „Wäre er eine Frau, hätte er wohl kaum Beifall bekommen.“ Verheiratet ist das Paar übrigens nicht. „Ich habe ihn gefragt. Er: Muss ich das sofort entscheiden?“ Sie hat wohl auch ohne Trauschein ihren Traumpartner.

Die Rolle der Frau ist ein Thema. „Bekommen Sie Anrufe, die sagen: Bitte verbinden Sie mich mit ihrem Chef?“, fragt Joachim Rogosch. Durchaus. Ein „Highlight“ sei ein Sommerfest der Rotarier gewesen, die ja nicht unbedingt mit ihrem Frauenanteil glänzen. Da sei sie für das Au-Pair-Mädchen ihrer Kinder gehalten worden. Und ja, zu wenige Frauen übernähmen Verantwortung, auch in der Politik. „Aber wir brauchen die Frauen. Nicht weil sie bessere Menschen sind, sondern weil sie andere Sichtweisen mitbringen.“

Was folgte, war Zwischenmusik der Hausband „Just friends“. „Moderatoren kommen und gehen, die Band bleibt“, stellt Rogosch fest. Chapeau für die Jazzer, die ohne Gage auftreten. Für den guten Zweck. Die Zuhörerinnen und Zuhörer vom „Talk im Bock“ haben seit dem Start 611 960 Euro gespendet.

Beim Talk mit Cem Özdemir sind 2436 Euro für die Vesperkirche in Ravensburg und Stuttgart zusammengekommen. Antje von Drewitz gibt die diesmalige Spende dem „Volksbegehren Artenschutz“ in Baden-Württemberg. Das Publikum unterstützt dies mit mehr als 1200 Euro. Das Ergebnis der Europawahl findet die grüne Unternehmerin gut, beklagt aber „oft lauwarme Entscheidungen“. Sie sei froh, keine Politikerin zu sein, als Unternehmerin selbst gestalten zu können. „Einfach loslegen und machen“, sagt sie temperamentvoll.

Von Enttäuschungen über die Politik kann Antje von Drewitz ein Lied singen. Sie hat sich für die Integration der Flüchtlinge stark gemacht, hat selbst eine Flüchtlings-Familiengeschichte. Die von Dewitz stammen ursprünglich aus Pommern. Elf Flüchtlinge hat sie eingestellt, Näher und Schweißer, es war nicht immer ganz einfach. „Manche Bewerber wollten sich von einer Frau nichts sagen lassen. Andere staunten: Muss ich da jetzt jeden Tag kommen?“

Geduldig arbeiten

Geduldige Grundlagenarbeit war angesagt. Dafür hat es den Integrationspreis Baden-Württemberg gegeben, auch der Brauer Gottfried Härle ist in dieser Initiative. „Einen Tag nach der Verleihung kam der erste Abschiebebescheid.“ Die Treffen mit Politikern führen zu einem nicht einmal lauwarmen Erfolg. „Das neue Gesetz betrifft gerade fünf Prozent der Flüchtlinge in Arbeit. Wir brauchen Arbeitskräfte, auch die Metzger, Altenheime, andere Betriebe.“

Ob sie wegen ihres Eintretens für Flüchtlinge Gegenwind bekommen habe, im Internet oder in sozialen Foren? „Und ob“ antwortet von Dewitz, „unterste Kanone“. Die Aufforderung, doch nach Afrika zu gehen, sei noch harmlos gewesen. Aber wenn sie jetzt den Kopf einziehe, „dann Gute Nacht“. Um sogleich nachzulegen: „Wir haben gesagt: Jetzt erst recht.“

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