Die Schmerzgrenze liegt bei Anschlussquote von 50 Prozent

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Wie die Versorgung mit Nahwärme im Leutkircher Wohngebiet Bleiche aussehen könnte, darüber haben jetzt Experten informiert. (Foto: Heinz Mauch)
Schwäbische Zeitung
Sabine Centner

Ein Wärmenetz im Leutkircher Wohngebiet Bleiche macht in wirtschaftlicher Hinsicht erst Sinn, wenn sich mehr als 50 Prozent der Haushalte anschließen. Auf diesen kurzen Nenner lässt sich das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie „Dezentrale Nahwärmeversorgung“ bringen, die am Montagabend im Seniorenzentrum Carl-Joseph vorgestellt wurde. Erarbeitet vom Ingenieurdienstleister rbs wave, einem hundertprozentigen Tochterunternehmen der EnBW Regional AG, soll die Studie den Bewohnern der Bleiche detaillierte Informationen zu verschiedenen technischen Lösungen und den Kosten der jeweiligen Wärmeversorgungsmöglichkeiten bieten.

„Ist ein Nahwärmenetz mit der Heizzentrale im Seniorenzentrum Carl-Joseph wirtschaftlich und technisch realisierbar?“ „Was könnte für mich als Hausbesitzer in Frage kommen?“ „Welche Alternativen zur bestehenden Wärmeversorgung gibt es?“ Rund drei Dutzend Interessierte erhofften sich am Montag kompetente Antworten auf diese Fragen – und sie bekamen eine Fülle von Daten und Informationen, Preis- und Rechenbeispielen.

Christoph Konrad von rbs wave präsentierte die verschiedenen Szenarien bei Anschlussquoten von 30, 50 oder 80 Prozent der insgesamt 98 Gebäude im Stadtquartier und den technischen Varianten eines zentralen Blockheizkraftwerks (untergebracht im Seniorenzentrum), dezentralen Mikronetzen von jeweils acht bis neun Gebäuden mit Erdgas oder Pellets als Brennstoffen und sogenannten objektbezogenen Lösungen, sprich einem Mikro-Blockheizwerk, gasbetrieben, oder einer Gasbrennwerttherme im eigenen Keller.

Unter Berechnung der Vollwärmekosten, also den kapital-, verbrauchs- und betriebsgebundenen Kosten, und mit Berücksichtigung einer Netzlänge von insgesamt 1400 Metern sprechen laut Konrad für ein Nahwärmenetz vor allem die erzielte Wertsteigerung des Gebäudes, geringere Wartungskosten und die Einsparung von CO2 und Primärenergie. Außerdem ließen sich so die Anforderungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes erfüllen. Nachteilig schlügen demgegenüber die hohen Investitionen in die Infrastruktur (für einen Hausanschluss muss mit rund 3000 Euro gerechnet werden) und Wärmeverluste durch die Leitungsführung zu Buche. Außerdem sei eine „hohe Anschlussquote von 70 bis 80 Prozent“ nötig.

Dass man sich als Hauseigentümer nicht unbedingt selbst um Einbau und Unterhalt der Anlagen, sowie um Wartung und Wärmelieferung kümmern muss, erläuterte Ingo Landthaler von der Erdgas Südwest GmbH in Munderkingen. „Contracting“ heißt hier die Lösung, ein Vertrag mit dem Energielieferanten also, der normalerweise über zehn Jahre läuft und das Risiko für den Kunden verringern soll.

Ein Vergleich der Wärmepreise der verschiedenen Varianten macht deutlich, dass ein zentrales Blockheizkraftwerk mit einer Anschlussquote von 80 Prozent die günstigste Lösung wäre. Hier ist mit 11,59 Cent pro Kilowattstunde (ct/Kwh) zu rechnen, bei 50 Prozent Anschlussquote sind es schon 13,72 ct/kwh. Bei einem Mikroblockheizkraftwerk muss mit 14,29 ct/kwh gerechnet werden, die Gastherme im eigenen Keller schlägt mit 12,81 ct/kwh zu Buche, bietet allerdings die höchste Autonomie.

Wer sich mit dem Gedanken an eine neue Heizanlage trägt, sollte sich sinnvollerweise gleich bei der Planung für einen Hausanschluss entscheiden, empfahl Hartmut Reck von der EnBW Regional AG. Spätere Anschlüsse würden teurer.

„Wir wollen die Bürger nicht alleine lassen“, begründete Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle das Engagement der Nachhaltigen Stadt Leutkirch in Sachen Machbarkeitsstudie. Mit Blick auf Herlazhofen, wo es bereits eine Energiegenossenschaft zur Nahwärmeversorgung gibt, meinte Henle, eine Genossenschaft als Betreiber sei „ein super Modell, zu dem wir herzlich einladen“. Und an die Bewohner der Bleiche gerichtet, fasste Henle die Ergebnisse der Studie so zusammen: „Eine 50-Prozent-Beteiligung ist die Schmerzgrenze. Darunter macht es keinen Sinn.“

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