Die mutige Frau hinter dem Sternchen

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Ines Geipel im Gespräch mit Moderator Andreas Müller.
Ines Geipel im Gespräch mit Moderator Andreas Müller. (Foto: Michael Weinmann)
Michael Panzram

Dieser Abend wird denjenigen, die in den Bocksaal nach Leutkirch kamen, wegen seiner Wucht und seiner Tiefe womöglich noch lange in Erinnerung bleiben: Ines Geipel war am Montag zu Gast bei „Talk im Bock“ und gab erschütternde Einblicke in das organisierte Staatsdoping der DDR. Die 57-Jährige ließ keinen Zweifel daran, dass auch die heutige Sportwelt weit von fairen Verhältnissen entfernt ist.

Die Sprinterin und Weitspringerin Ines Geipel war ein leuchtender Star der DDR-Leichtathletik. Denn sie war Teil der 4 x 100 Meter-Staffel, die 1984 einen bis heute gültigen Fabelweltrekord lief. Weil Geipel sich später als einzige der vier Frauen eingestand, dass diese Leistung nicht unter natürlichen Umständen zustande kam, kämpfte sie dafür, dass ihr Name gestrichen wird. Diesen Kampf zumindest hat sie gewonnen, gegen große Widerstände von Verbandsseite. Nun stehen in der Liste drei Namen – und ein Sternchen. Hinter dem Sternchen verbirgt sich eine mutige Frau, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, für die vielen Opfer des DDR-Dopings zu kämpfen. Als Vorsitzende der Deutschen Doping-Opfer-Hilfe kümmert sie sich um etwa 1500 Geschädigte. Gleichzeitig ist es für sie eine schonungslose Bewältigung ihrer eigenen Vergangenheit. „Unser Herz müsste für die Athleten schlagen“, redet sie allen ins Gewissen.

Durch den Sport will sie die Welt sehen

Ihre Lebensgeschichte breitet Geipel im Gespräch mit Talk-im-Bock-Moderator Andreas Müller am Montagabend im Bocksaal aus. Schonungslos. Offen. Brutal. Als junges Mädchen fliegt sie von zu Hause raus, kommt ins Internat, dass der Vater bei der Stasi ist, erfährt sie erst später. Der Sport ist ihr Antrieb, Ines Schmidt – wie sie damals noch heißt – ist schnell. Durch den Sport will sie die Welt sehen. „Ich war naiv“, sagt sie. Dass ihr permanent Tabletten verabreicht werden, blendet sie aus.

Als sie die Praktiken zu hinterfragen beginnt und einem Sportkollegen ihre Fluchtpläne schildert, lässt das System sie nicht nur einfach fallen. Schlimmer noch: Bei einer Operation wegen eines angeblich entzündeten Blinddarms werden ihr schwere innere Schäden zugefügt. „Sie ist strategisch zu vernichten“, sei dazu vermerkt worden. Ihren möglichen Tod nimmt das Regime billigend in Kauf „Die Toten fallen in der Wahrnehmung hinten runter“, sagt Geipel. Ganz vorne, im Licht, würden die Medaillengewinner strahlen. Mit Glück übersteht sie die Folgen der Operation. Sie rettet sich in ein Literaturstudium, kommt aber als fallengelassene Ex-Spitzensportlerin in der DDR nicht weiter. Im Sommer 1989 flieht sie über die ungarisch-deutsche Grenze. Im Westen studiert sie Philosophie und beginnt als Schriftstellerin ein neues Leben.

Der große Prozess, der das DDR-Zwangsdoping zur Jahrtausendwende ins Visier nimmt, bringt sie endgültig zurück in die Zeit vor der Wende. Geipel tritt als Nebenklägerin auf. Es ist nicht nur dieser Auftritt, der ihr den Mut gibt, sich für andere Opfer des DDR-Dopings einzusetzen. Es ist auch ihre Überzeugung, dass künftige Generationen es besser haben sollen. „Wir müssen die jungen Leute maximal schützen“, sagt sie. Dem entgegen stehe ein System, das immer noch von belasteten Funktionären und Trainern durchdrungen sei: „Der Sport ist vollständig vergiftet.“

Eine „Kultur der Chemie“ im Breitensport

Dass sich auch heute nichts geändert hat, macht Geipel zuerst am Beispiel Russlands fest. Das bewiesene Staatsdoping dort bringe ebenso tausende Opfer hervor wie einst die DDR. „Die Vergangenheit ist heute, heute ist die Vergangenheit“, sagt sie. Geipel macht das Problem aber längst nicht nur an Russland fest. Vielmehr sieht sie ein gesellschaftliches Problem, durch den Einsatz verbotener Mittel im Breitensport etwa, durch eine „Kultur der Chemie“. Das beginne schon früh, etwa durch den massenhaften Gebrauch von Ritalin bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen.

Hoffnung hat Ines Geipel trotzdem. Diese geht soweit, dass sie glaubt, ihre Aufgabe irgendwann erledigt zu haben. Noch sei zwar viel zu tun. Es fehle zum Beispiel eine Haltung in der Politik. Ein Innenminister, der 30 Prozent mehr Medaillen fordere, sei alles andere als hilfreich. Aber es gebe zumindest Bewegung, etwa durch die hohe Strafe gegen einen US-Arzt, der junge Sportlerinnen missbrauchte, oder Sponsoren, die ihr Engagement in diversen Sportarten immer kritischer hinterfragten. „Es wird Veränderung geben“, ist sich Ines Geipel sicher.

Bei der Saalspende kamen 725,60 Euro zusammen, die der Deutschen Doping-Opfer-Hilfe zugutekommen.

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