Die Faszination der verschiedenen Perspektiven

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Rolf Schneider
Redakteur

Am Donnerstag, 13. September, besteht noch einmal von 15 bis 16 Uhr die Möglichkeit einer von Dozenten begleiteten Führung durch die Ausstellung im Rathaus.

Politiker sagen viel, wenn der Tag lang und der Abend noch jung ist, also stieg Schirmherr Raimund Haser (MdL) zur Beginn der Ausstellungseröffnung am Freitagabend hinab in die Tiefen der ästhetischen Philosophie: „Die Kunst leidet darunter, dass das handwerklich Geschaffene nicht mehr diesen Wert hat. Jede Kunst hat auch Geschichte, reflektiert Geschichte.“ Das hört man gerne, noch lieber hörte man zum Schluss des einwöchigen 8. Kunstcamps, welches das Land mit 10 000 Euro sponsert: „Ich hoffe, dass es 80 Camps geben wird.“

Gar so zukunfts- und spendierfreudig wollte sich Christina Schnitzler, Bürgermeisterin allhier, nicht zeigen, gab aber immerhin zu, dass die Kunstschulen zwar eine wichtige Rolle besetzen, aber nicht leben wie die Maden im Speck: „Sie sind nicht so mächtig wie die Jugendmusikschulen.“ Nach grundlegenden Überlegungen des Fachmannes David Kremer über das Wesen des Nicht-Grauen („ Alles ist Farbe. Es ist ganz wichtig, Farbe zu bekennen, auch in der Wirtschaft“), sprach Eva Sauterleute Klartext zu Vorhaben und Sinn des einwöchigen Events. Die studierte Kunstgeschichtlerin, Kunstpädagogin, Politikwissenschaftlerin, Gymnasiallehrerin und Dozentin der Kunstschule bekannte sich nachvollziehbarerweise zur Theorie dieser Ausstellung, deren Motto „Re_Move – Bewegung, Löschen, Neuordnung“ heißt und die eine Vorstellung präsentiert, wo „eine Welt Platz für die Öffentlichkeit haben soll“ (Sauterleute). „Diese Welt muss die Lebensspanne einzelner überschreiten.“ Es spricht für die Erdung der Ausstellungsleiterin, dass sie sich den Satz „Und alle Kunst will Ewigkeit“ verkniff, immerhin kam sie aber einmal mehr auf Hanna Ahrendts Kunstbegriff zurück, „weil diese Welt gestaltet werden möchte.“

Viele, beinahe zu viele Facetten dieser höchst unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten präsentierten die 46 Teilnehmer des Camps Kunstschule dann auf zwei Stockwerken. Wobei der Rückgriff auf die analoge Fotografie (Dozent Pannier) im Zeitalter der Moderne gleichermaßen verblüfft wie überzeugt. Verstörende Negativ-Bilder vom Knochenmann, wie betörende Fotografien eines Engels vor einer Hauswand und Hinweise auf jene längst vergangene Zeit, als Fotos noch im Fixierbad schwammen und in der Dunkelkammer geschützt werden mussten, erinnern daran, was und wie Fotografie war, bevor Digitalkameras ihren Siegeszug antraten und Selfies die Welt überschwemmten.

Dozent Louis de Sousa Oliveira hat sich den Comics verschrieben und die Werke der Kursteilnehmer in seinem Sinn überzeugen mit handwerklicher Finesse und überraschenden Bildfolgen, wobei jene mit dem großen Ohr und dem Titel „Feliz Calidad“ den Betrachter stark im Ungefähren lassen, die Bildfolge der „Wolf Story“ dagegen handwerklich überzeugt, wenn sie auch stimmungsmäßig eher ins Triste gleitet.

Es ist nicht immer Jubel, Trubel, Heiterkeit, doch das Leben ist dies ja auch nicht. Einen Stock höher im Rathaus schlägt ein mit Bildern behängtes Sechseck (Pastellkreise, Acryl, Pigmente ohne Grundierung aufgetragen) in Bann und eine Staffelei voller Akte präsentiert die ganze Bandbreite des Daseins, von handwerklicher Filigranfinesse bis hin zu eher grob gerasterten Abbildungen. Schöne und weniger schöne Körper, gebrechliche Torsos, nackte Menschen, was im Zeitalter von „Me too“ ja sowieso nicht gänzlich unumstritten ist. Es spricht für Eva Sauterleute und ihre Kursteilnehmer, dass sie den Zeitströmungen nicht aus dem Weg gehen und die Frage „Warum malen wir nackte Menschen“ dem Abendmotto entsprechen beantworten: „Alles ist im Sinne von Hanna Ahrendt, weil diese Welt gestaltet werden möchte.“

Wie vielfältig die Gestaltungsmöglichkeiten sind, wird vor allem von der Performerin Helena Eckert präsentiert, die sich der ephemeren Kunst verschrieben hat, das heißt, Darstellungsformen der Vergänglichkeit, weshalb sie sich mit Selbstinszenierungen befasst und an einem Tischchen im Eck vor dem Score 593 agiert. Aufgabenstellung: „Setze Dich zu mir, unterhalte dich mit mir oder sieh mir einfach in die Augen, dann schreibe ich dir einen personalisierten Score auf.“ Alles klar? Am Türknauf neben dem Tisch der Performance-Künstlerin hängt ein Schild: „Trauung, bitte nicht stören.“ Ist das jetzt auch Kunst oder kann das weg? Wenn sie damit sagen will, dass das, was nach einer Trauung passiert, eine langandauernde und teilweise ebenso vergängliche wie strapaziöse Performance ist, dann versteht sogar Otto Normalverbraucher den Sinn. Oder, um einmal mehr, Hanna Ahrendt, den „Leitstern dieser Woche“ (Eva Sauterleute) zu zitieren: „Wichtig ist, die Perspektive des anderen einzunehmen.“ Es gibt schlechtere Rezepte für ein konfliktarmes, gedeihliches Zusammenleben. Das Schlusswort gebührt der Ausstellungsleiterin: „Eine wunderbare Woche liegt hinter uns, mit viel Energie, die uns weiter aufbrechen lässt zu neuen Ufern.“

Am Donnerstag, 13. September, besteht noch einmal von 15 bis 16 Uhr die Möglichkeit einer von Dozenten begleiteten Führung durch die Ausstellung im Rathaus.

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