Der beeindruckte Minister

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So funktioniert der Bürgerbahnhof: Christian Skrodzki erläutert Guido Wolf und Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle (von links) da
So funktioniert der Bürgerbahnhof: Christian Skrodzki erläutert Guido Wolf und Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle (von links) das Vorzeigeprojekt. (Foto: heb)
Schwäbische Zeitung
Herbert Beck
Redakteur

So ein Kreisbesuch verlangt auch von einem Minister Steherqualitäten ab. Guido Wolf, im grün-schwarzen Kabinett des Winfried Kretschmann für die Justiz, für Europafragen und auch für den Tourismus zuständig, hat am Dienstag eine Rund-um-Tour durch den Landkreis Ravensburg bewältigt. Den Auftakt machte als erste Station Leutkirch.

Kaum ist Guido Wolf, der gebürtige Weingartener, aus seinem Dienstwagen gestiegen, kommt nach der Begrüßung durch den Leutkircher Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle und den aus Leutkirch stammenden CDU-Landtagsabgeordneten Raimund Haser das erste Bonmot über die Lippen des Stuttgarter Ministers. „Das wird ein schöner Oberschwaben-Allgäu-Tag“, sagt Wolf, und er greift gleich mal seinem später geäußerten Fazit nach der Leutkirch-Visite voraus: „Hier läuft etwas.“

Seherische Gaben? Nein. Sein Stab hat Wolf natürlich darauf vorbereitet, dass er in Leutkirch einiges zu sehen und zu hören bekommt, erst recht kurz nach 8.30 Uhr am Eingang zum früheren Munitionslager nahe Urlau. Rund 350 Millionen Euro wird dort der Konzern Center Parcs investieren, um eine in dieser Art bislang in Europa so noch nicht vorhandene Freizeiteinrichtung mit 1000 Ferienhäusern zu errichten. Ende 2018 soll der Park eröffnet werden. Dim Hemeltjen, der für Center Parcs das Projekt betreut, stellt das auch an diesem kühlen Vormittag im Urlauer Tann klar. „Da haben sie sich ein sportliches Ziel vorgenommen“, erwidert der beeindruckte Tourismusminister, nachdem ihm Hemeltjen in einem Baucontainer auf Schautafeln das Areal mit Skizzen aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft präsentiert hat.

„Das ist gelebtes Europa“

Hans-Jörg Henle ist an diesem Tag in einem Kleinbus der Leutkircher Feuerwehr nach Urlau ausgerückt, um die Größe der Wagenkolonne in Grenzen zu halten, die durch das Gelände karren soll. Nach einer halben Stunde ist die erste Visite Wolfs in dem Areal beendet. Später wird Henle allerdings im Bürgerbahnhof der Stadt noch einmal ausführlich die Geschichte dieser Investition erläutern, und Wolf gefällt dabei eine von Henle mehrfach in der Vergangenheit schon geäußerte Betrachtung besonders. Urlau, ein Munitionslager der Wehrmacht, später von den Alliierten und der Bundeswehr als Depot genutzt, wird in Zukunft endgültig einer friedlichen Nutzung zugeführt. Mit Geld aus Frankreich und aus den Niederlanden. „Das ist gelebtes Europa“, betont Henle. Auch deshalb zeigt sich der Minister an diesem Vormittag im Allgäu beeindruckt. „Nehmen sie die Nachricht aus Leutkirch nach Stuttgart mit, dass der Bau vorangeht“, betont das Stadtoberhaupt auch. Lange, denn die ersten Vorplanungen begannen 2009, habe in der Landeshauptstadt ja doch die Skepsis überwiegt, dass dieses Projekt tatsächlich umgesetzt werden kann.

Standortwechsel. Treffpunkt Bürgerbahnhof Leutkirch. Guido Wolf lässt sich zunächst von Christian Skrodzki, einem der Macher hinter dieser mittlerweile schon mit zehn Preisen gewürdigten Initiative, das Konzept erklären, wie aus dem Miteinader von engagierten Bürgern, einer aufgeschlossenen Verwaltung und den nicht ganz so unwichtigen finanziellen Beigaben aus verschiedenen Fördertöpfen aus einem „Bahnhof des Königs ein Bahnhof der Bürger“ entstanden sei. Unten eine verpachtete Gastronomie. In den Geschossen darüber vermietete Bürotrakte. Ganz oben ein Informationszentrum der „Nachhaltigen Stadt“ Leutkirch.

Schmuckstück statt Schandfleck

„Die Menschen haben nach anfänglichen Widerständen nicht gleich nach der Dividende gefragt. Sie haben in die Heimat investiert“, erläutert Skrodzki beseelt. Immerhin 1,1 Millionen Euro brachte die Genossenschaft auf die Beine. 1,6 Millionen Euro steuerten die Stadt, das Land und auch der Denkmalschutz dazu bei, den Leutkircher Bahnhof zukunftsfähig zu machen. „Wir haben aus einem Schandfleck ein Schmuckstück gemacht“, sagt der umtriebige Ideengeber, „weil 700 Bürgerinnen und Bürger an eine verrückte Idee geglaubt haben“.

Guido Wolf nimmt auch diese Aussage mit auf seinen weiteren Tagestripp, und er verspricht, dass er im Kreise seiner Kabinettskolleginnen und -kollegen neugierig machen wolle für die nächste Genossenschaftsidee in Leutkirch. Jetzt geht es um Urlau, um die dort erneut von Skrodzki ausgerufene Idee, in einer früheren Brauerei eine „Brau- und Genussmanufaktur“ zu installieren. Das hat natürlich auch mit dem Ferienpark zu tun, der nur zwei Kilometer entfernt liegt. Innerhalb von zwei Monaten seien schon Anteile in Höhe von 375000 Euro gezeichnet worden, berichtet Skrodzki. „Aber ohne Fördermittel werden wir das nicht schaffen.“ Da ist sie, die Bitte nach Hilfe vom Land.

Guido Wolf antwortet so, wie jemand antwortet, dem etwas gefällt, der aber auch nicht Wunder versprechen will. „Ich bin beeindruckt, da ist Leidenschaft im Spiel“, sagt er. Und: „Ich habe viel gelernt, das ist der Zweck solcher Besuche.“ Das alles ist noch keine Förderzusage. Aber auch keine Absage: Der Minister verlässt Leutkirch mit der Bemerkung, „das alles hier sind Projekte, die das Land profilieren können“.

Ein Video zu dem Besuch finden Sie unter

www.schwaebische.de

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