Der Allgäu Airport ist aus dem Tief heraus

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 Der Allgäu Airport bei Memmingen wächst und wird ausgebaut. Derzeit wird die Start- und Landebahn erweitert.
Der Allgäu Airport bei Memmingen wächst und wird ausgebaut. Derzeit wird die Start- und Landebahn erweitert. (Foto: Ulrich Wagner)

Das Terminal des Memminger Flughafens ist gerammelt voll. Beim Einchecken stauen sich die Menschen in dem lichten Gebäudekomplex zu langen Schlangen. Trotzdem strahlen die meisten übers ganze Gesicht: Urlaub! Aus der bayerischen Provinz geht es ab in den Süden – etwa nach Marrakesch, der orientalischen Metropole im Südwesten Marokkos. Rund 100 Meter weiter strahlt in einem bieder wirkenden Verwaltungsgebäude unterhalb des Towers noch jemand: Flughafen-Geschäftsführer Ralf Schmid.

Eigentlich könnte man bei dem energisch wirkenden, langsam ergrauenden Mann inzwischen fast von einem Dauerstrahlen ausgehen. Der Grund: Endlich läuft es offenbar auf dem Allgäu Airport genannten Flughafen. Die Zeit der Frust-Meldungen scheint vorbei zu sein. Themen wie schwankende Auslastung, rote Zahlen, umweltschädliche Altlasten aus dem ehemaligen militärischen Betrieb des Flughafens oder endlose Proteste von Gegnern spielen nur noch in der Airport-Chronik eine besondere Rolle.

 Ralf Schmid, der Geschäftsführer des Flughafens Memmingen, hat gut lachen. Derzeit läuft es gut im Allgäu.
Ralf Schmid, der Geschäftsführer des Flughafens Memmingen, hat gut lachen. Derzeit läuft es gut im Allgäu. (Foto: Airport Allgäu)

Schmid genießt die Entwicklung ganz offensichtlich. „Vergangenen Dezember konnten wir den zehnmillionsten Fluggast seit der Aufnahme des regelmäßigen Passagierflugbetriebs 2007 begrüßen“, freut sich der Manager. In den beiden vergangenen Jahren lag die Passagierzahl jeweils über einer Million. Laut Schmid „ein Richtwert, bei dessen Überschreitung der wirtschaftliche Erfolg anfängt“.

Wir haben von Anfang an vor allem auf Tourismus gesetzt und entsprechende Airlines gesucht.

Flughafen-Geschäftsführer Ralf Schmid

2018 konnte er bereits knapp eineinhalb Millionen Passagiere registrieren. Und es gebe noch Luft nach oben. Schmid, der nebenbei noch Vorsitzender der Interessensgemeinschaft der regionalen Flugplätze ist, attestiert dem Allgäu Airport „eine schnellere Entwicklung“ als etwa in Friedrichshafen, dem nächstgelegenen deutschen Regionalflughafen. Wobei Schmid den Erfolg auch auf das Memminger Betriebskonzept zurückführt – das er wiederum entscheidend geprägt hat. „Wir haben von Anfang an vor allem auf Tourismus gesetzt und entsprechende Airlines gesucht“, erläutert er.

Lästermäuler weisen an diesem Punkt gerne darauf hin, dass Memmingen ein Hort der „Billiglinien“ sei. Schmid macht dies gar nicht aus, auch wenn er lieber von Low-Cost-Airlines spricht. Eine zentrale Rolle spielt dabei das irische Unternehmen Ryanair. In eine dieser Maschinen steigen auch die Marrakesch-Urlauber. Als Top-Ereignis gilt, dass die Iren mit Beginn des Sommerflugplans eine zweite Maschine fest in Memmingen stationiert haben.

„Eine klare Entscheidung für unseren Flughafen“, sagt Schmid. Er hat gegenwärtig wohl tatsächlich so etwas wie eine Erfolgssträhne. Selbst die Bilanz stimmt offenbar nach langen bangen Jahren. Anders als bei vielen kleineren Regionalflughäfen üblich, sind die Zahlen im Jahresbericht 2017 erstmals schwarz geworden – wenn auch auf niedrigem Niveau: 111 280 Euro. Kenner der Szene staunen dennoch. Sie bestätigen, dass sich der Luftfahrtstandort zu einem der aufstrebendsten Regionalflughäfen gemausert habe.

Das macht Schmid in der logischen Folgerung zu einem höchst erfolgreichen Geschäftsführer. Der Hinweis darauf schmeichelt ihm durchaus. Wobei es nicht verfehlt wäre, den Flughafen als sein Kind zu bezeichnen – auch wenn er ihm natürlich nicht gehört. Eigentümer sind diverse Gesellschafter, meist Unternehmen aus der Region, gegenwärtig 85 an der Zahl. Schmid schätzt ausdrücklich „ihre Unterstützung“. Dafür reibt er sich für den Flughafen auf. Auf die Frage, ob der Airport sein Leben sei, antwortet Schmid: „Ich befürchte ja. Alles andere ist untergeordnet – Familie wie Hobbys.“

Flughafen wird ausgebaut

Er habe durchaus persönliche Opfer gebracht. Genauer möchte Schmid nicht darauf eingehen, kurz wird sein Ausdruck ernst. Aber dann verrät seine Miene wieder jenen anpackenden Optimismus, der noch befeuert wird, wenn er aus seinem Bürofenster blickt. Jenseits der Runway ist ein Bauarbeiter-Camp zu sehen. Denn Schmids Reich wird seit dem Herbst für 21 Millionen Euro ausgebaut – Arbeiten, die sich bis 2020 erstrecken. „Die größte Einzelbaumaßnahme ist die Verbreiterung der Start- und Landebahn von 30 auf 45 Meter“, erklärt Schmid mit sichtlichem Stolz.

An diesem Punkt muss jedoch eingefügt werden, dass der Freistaat Bayern Hilfestellung gibt. 12,2 Millionen Euro spendiert er als Investitionszuschuss. Den entscheidenden Segen dafür gab Ministerpräsident Markus Söder (CSU), als er noch Finanz- und Heimatminister war. Erst zögerte die CSU-Großmacht zwar. Nach einer kleinen Wende lobte Söder Memmingen jedoch als „dritten bayerischen Verkehrsflughafen“ nach München und Nürnberg. Eventuell hatte hier der Oberallgäuer Altlandrat Gebhard Kaiser mitgeholfen – als gewiefter Strippenzieher in der CSU. Er war 2014 mit einer Neustrukturierung des Flughafens beauftragt worden.

Seinerzeit stand das ganze Werk am Scheideweg. Seit dem Start als Verkehrsflughafen 2007 hatte Schmid Jahr für Jahr tiefrote Zahlen präsentieren müssen. Häme schlug ihm entgegen. Auf Pressekonferenzen betont er ein ums andere Mal: „Wir haben einen operativen Gewinn.“ Doch die Bilanz wurde immer wieder durch finanzielle Altlasten verdüstert – Zinsen, die aufs Geld anfielen, das beim Umbau des einstigen Fliegerhorsts in den Verkehrsflughafen investiert werden musste.

Finanzell in der Klemme

Schmid ging durch die Hölle, das war ihm damals deutlich anzusehen. Am heikelsten dürfte die Situation Ende 2014 gewesen sein. Der Flughafen steckte finanziell extrem in der Klemme. Erst ein Überbrückungskredit half dabei, Zeit zu gewinnen. „Das war damals ein 24-Stunden-Job. Irgendwann bist du am Ende, wenn du alle Register gezogen hast“, erinnert sich Schmid.

Die Frage stand im Raum, ob der Verkehrsflughafen wachsen oder zur Start- und Landepiste für Geschäftsleute schrumpfen sollte. Die Zukunft lag im Dunkeln. Klar ersichtlich war für lange Wochen nur die Vergangenheit. Die Luftwaffe hatte ihren Memminger Fliegerhorst um die Jahrtausendwende herum aussortiert. Während dieser Zeit ging es nur noch darum, was aus den Flächen werden sollte. Bauplätze? Ein Gewerbegebiet?

Unternehmer mit im Boot

Einige örtliche Unternehmer entwickelten andere Vorstellungen. Ein Verkehrsflughafen sollte her, vor allem um die Region aufzuwerten und wirtschaftlich etwas zu bewegen. Als die Unternehmer seinerzeit ihre Vorstellungen für die Zukunft entwickelten, arbeitete Schmid noch ganz woanders: auf dem Baden-Airport am Oberrhein, dem Startpunkt seiner Karriere. Möglich, dass ihm die Liebe zur Luftfahrt schon in die Wiege gelegt wurde. „Ich stamme aus einer Fliegerfamilie“, erzählt Schmid, der 1967 im Schwarzwaldstädtchen Schramberg zur Welt kam. Der Vater sei Segelflieger gewesen. So ist er in dieser Welt aufgewachsen.

Später erwarb er den Segel- und Motorflugschein, noch später den Berufspilotenschein. Von der beruflichen Ausbildung her ging es jedoch in eine andere Richtung. Von 1992 bis 96 hat er in Biberach Bauingenieurwesen studiert. Erst die Diplomarbeit wies auf seine spätere Entwicklung hin. Sie handelt von der Umwandlung des kanadischen Fliegerhorsts Baden-Söllingen in den Baden-Airport. Der Weg zu einer Anstellung dort war geebnet. „2002 habe ich aber ein neues Projekt gesucht. Ich wollte meine Ideen mit einbringen“, sagt Schmid. Er kam nach Memmingen, wurde gleich Geschäftsführer. Seine Mannschaft bestand aus ihm und einem zweiten Beteiligten. Abheben lassen konnte das Duo zum Anfang erst einmal nichts. Dann gab es erste Geschäfts- und Charterflüge – bis nach fünf Jahren der große Sprung gelang.

50 Ziele in aller Welt werden angeflogen

Heute bietet der Flughafen und sein Betrieb rund 350 Arbeitsplätze. Neun Fluggesellschaften fliegen mehr als 50 Ziele in Europa, Afrika und Asien an. 2018 gab es 22 508 Flugbewegungen. Es hätte jedoch auch alles bei null bleiben können. Am Anfang spielten nicht einmal die schwierigen Finanzen die größte Rolle. Sondern Menschen, die um keinen Preis einen Airport wollten, sei es wegen Fluglärmbefürchtungen oder ökologischer Bedenken. „Als ich in Memmingen angefangen habe, war der Widerstand die größte Herausforderung“, erinnert sich Schmid. Es sei damals auch unter die Gürtellinie gegangen. Selbst seine drei Kinder hätten im Kindergarten oder der Schule Belästigungen erlebt. „Diese Zeit“, betont Schmid, „hat mich sehr geprägt.“

Der Kampf gegen den Flughafen ging erst Ende 2015 langsam zu Ende. Die Gegner waren mit Klagen und zwei Volksentscheiden gescheitert. Erfreulich für Schmid: Zwischenzeitlich hatte es zudem eine Entscheidung über den Weg in die Zukunft gegeben: Wachstum. Eine recht ausgefuchste Neuorganisation der Gesellschaftsstruktur, durch die unter anderem Flächen des ehemaligen Fliegerhorsts versilbert werden konnten, spülte bisher schmerzlich vermisstes Geld in die Kassen. Schmid bekam die Mittel, um die drückenden finanziellen Altlasten aus der Anfangszeit zu beseitigen. Eine Tonnenlast fiel von ihm ab.

Projekte für die Zukunft

Auch in Gesellschafterkreisen gibt man sich entspannt. Schmid erhält Anerkennung für seine Arbeit. „Er macht dies wirklich gut“, lobt ihn Bettina Kurrle, Aufsichtsratsvorsitzende der Flughafen Memmingen GmbH und Vorstand des Beirats der Allgäu Airport GmbH & Co.KG. Von außerhalb zollt etwa die regional einflussreiche Marketing- und Standortgesellschaft Allgäu GmbH Respekt. Schmid sei „ein hervorragender Netzwerker“, heißt es. Und tatsächlich: Er strickt an seinem Netz weiter. So sollen weitere Flughafengesellschafter gewonnen werden. Im Hintergrund gibt es schon Überlegungen über künftige Projekte. „Wir wollen schließlich nicht stehen bleiben“, betont Schmid.

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