Daumen hoch für Matthias Ningel

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Daumen hoch für den jungen Musikkabarettisten Matthias Ningel (im Bild) und seinen Auftritt im Bocksaal mit „Kann man davon lebe
Daumen hoch für den jungen Musikkabarettisten Matthias Ningel (im Bild) und seinen Auftritt im Bocksaal mit „Kann man davon leben?“. (Foto: Babette Caesar)
Schwäbische Zeitung

Philosophisches Musikkabarett ist das Stichwort. Also nicht die Haudrauf-Methode, die kein gutes Haar an nichts und niemand lässt.

Der junge und am Kabaretthimmel bereits aufgestiegene Matthias Ningel gehört der ersteren Sparte an, gewürzt mit Klavierspiel, Gesang, Percussion, Loopstation und Schauspiel. Also einer, der am Samstagabend im Rahmen der Leutkircher Kleinkunst im Bocksaal alles in einem war, und das ziemlich erfrischend.

Zahlreiche Preise

Acht Preise hat der 31-jährige, in Hambuch in der Eifel geborene Kabarettist allein 2014 abgeräumt. 2019 waren es vier. Die Besucher im gut besuchten Bocksaal durften also gespannt sein, was sie erwartet.

Aus Mainz ins Allgäu angereist kam Ningel mit seinem dritten Programm „Kann man davon leben?“. Das habe er sich nicht einfach so ausgedacht. Regelmäßig kommt die an ihn als Künstler gerichtete Frage, ob das Naturhaare sind, die sich wild gelockt bis tief in die Stirn ziehen, oder ob er auf der Waldorfschule war.

Direkte, unverblümte Art

Kaum, dass man sich versieht, dreht er den Spieß schon um. Interaktiv würde er den Abend gestalten, also gerne mal die Plätze tauschen und ran an den Bösendorfer. Etwas Zeit brauchte es, um mit seiner direkten unverblümten Art warm zu werden. Wenn er im ersten Song vom Enkel-Trick bei der eigenen Oma erzählt. Die ihn nach seinem Job fragt und er mit Neo-Fluxus antwortet. Was das sei? Er beschmiere Smartphones mit Erdnussbutter.

Der smarte Ningel führt einen gerne aufs Glatteis, und das ziemlich charmant. Ohne großartig vom Leder zu ziehen, pendelt er zwischen Klavier und Bühnenrand hin und her. Gaukelt einem vor, dass es doch langsam Zeit werde für das junge Paar. Nein, nicht für Nachwuchs zu sorgen, wie die meisten im Saal wohl dachten. Ningel hob auf den Kaffeevollautomaten ab. Auf einen, der auch Smarthome kompatibel ist und alle seine Sorgen und Nöte auflöst.

Liebevoll-poetische Art

Ein Zyniker mit romantischem Einschlag? Ja, aber auf ungeheuer liebevoll-poetische Art, bei der man ihm auch beim allerbesten Willen nichts übel nehmen kann. Weder seinen grotesken Abgesang auf die „selbsternannten Profis“, die mit dem Strandhut auf den Friedhof gingen, um ihr Grab zu reservieren, noch auf die „traurigen Touristen“, die beim Wale Watching gerade mal die Schwanzflosse erhaschen würden. „Wo ist der Killerwal, der wäre jetzt geil gewesen“, nennt er solche Gesangseinlagen mit Schmackes.

Zurück zu Omas Zeiten, die nicht weiter als von Memmingen nach Wangen gekommen ist? So krass sieht es Ningel nicht, doch er sensibilisiert für all das, was der Mensch in Wirklichkeit nicht braucht zum Leben. Selbst habe er kein Smartphone, dafür eine App, die auch ohne Internet funktioniere. Er hat den Bogen raus, seine Zuhörer unter Spannung zu halten. Fragt sich doch jeder gleich, wie kann das gehen? Antwort: meine Eltern, die das Nest nun langsam gerne geräumt sehen würden. „Schnapp dir dein Babyphone und zieh aus – ins Nebenhaus“, sieht er sich stets auf der Gewinnerseite. Er haut einem die Übel dieser Welt nicht um die Ohren, sondern schiebt sie einem sachte unter.

Satirische Schlagfertigkeiten

Und dabei kann Ningel nicht nur gut Klavier spielen und singen, sondern wenn es Zeit für etwas Entspannung ist, stemmt er als „Bester im Yoga“ locker die „Krähe“ auf dem Klavierhocker. „Willst du siegen, musst du dich verbiegen“, sind satirische Schlagfertigkeiten, denen nichts entgegenzusetzen bleibt.

Bizarr geht es in des Liedermachers „Treibjagd“ zu, die sich in ihr Gegenteil verkehrt. Nicht Keiler oder Wolf sind die Gejagten, sondern der Jäger macht schlapp und die Forelle „plitsch platsch“.

Mit Quizfragen

Allmählich ist auch das Publikum warm gelaufen, singt die Refrains mit und inszeniert vokal urige Waldgeräusche. Ningel steht immer wieder auf, breitet sich episch aus über das „Glück des Lebens“ auf dem Kirmesplatz bis in die hinterletzte versiffte Ecke. Lässt sich über „Fleischdesigner“ und „Quality Time“ aus. Wer’s braucht. Auf jeden Fall sein erotisches Lied mit Quizfragen, sein „Strip-Trivial-Pursuit“. Was so viel heißt, wie Bluse bleibt heute an, bei richtiger Antwort auf das Todesjahr von Thomas Mann.

Getoppt wurde dieser Abend von „Ilona“. Für sie haut er in die Tasten, schreit sich die Kehle aus dem Hals, denn es ist seine Schlager-Parodie mit „zwiefachem Borg“ und „Silbereisenschen Hühnerbrust“. Wenn das kein Hit ist.

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