„Das ist die beste Medizin für mich“

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„Hier fühle ich mich richtig wohl“ Erika Gischa ist seit Beginn Gast in der Tagespflege Carl-Joseph.
„Hier fühle ich mich richtig wohl“ Erika Gischa ist seit Beginn Gast in der Tagespflege Carl-Joseph. (Foto: Corinna Konzett)

Alt werden geht jeden etwas an. Nicht nur Senioren selbst oder jene Generation, die privat wie beruflich in der Mitte des Lebens steht und – vielleicht sorgenvoll - in die Zukunft blickt. Nein: Älter wird jeder Mensch. Jeden Tag. Darum beleuchtet die Serie „Hier will ich alt werden“ breit gefächert Themen wie Altersvorsorge, Leben mit Pflegebedürftigen, barrierefreies Wohnen oder auch Erben und finanzielle Vorsorge für Sie in Ihrem Lebensumfeld vor Ort.

Multimedial weitererzählt finden Sie unsere Serie im Netz. Mit weiteren Bildern, Videos und Grafiken lernen Sie unsere Protagonisten und Themen so noch besser kennen: stories.schwaebische.de/hier-will-ich-alt-werden

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„Grüß Gott, Herr Prinz. Hallo Frau Fischer, sind Sie auch wieder da“, ruft Erika Gischa und grinst. Die 83-Jährige läuft zügig in die Räume der Leutkircher Tagespflege Carl-Joseph. Zweimal in der Woche ist die Rentnerin zu Gast in der Pflegeeinrichtung, die vor zwei Monaten neu eingerichtet wurde.

„Die Plätze in der Tagespflege sind sehr beliebt. Ich finde, das zeigt, dass in Leutkirch ein großer Bedarf an so einem Modell da ist“, sagt Claudia Hartmann, Regionalleiterin Vinzenz von Paul für die Region Allgäu. In der Leutkircher Tagespflege können seit Februar täglich bis zu 16 Menschen den ganzen Tag, oder für einige Stunden betreut werden. „Wir wollen mit den Gästen den Alltag sinnvoll und aktiv gestalten. Jeder darf und soll seine eigenen Fähigkeiten und Interesse ausleben können“, sagt Vanessa Höger, Leiterin der Tagespflege. Wer zum Beispiel gerne kocht, kann bei der Zubereitung des Essens helfen. So sitzen gleich mehrere Senioren um den Tisch und schneiden Paprika, Gurken und Tomaten. „Da schmeckt es doch gleich besser, wenn man auch selbst mitgeholfen hat“, sagt Cäcilia Fischer, während sie eine Tomate in kleine Würfel schneidet.

Wenige Minuten später versammeln sich alle wieder um den Tisch. Dieses Mal, um sich das frisch gekochte Essen schmecken zu lassen. Neben Cäcilia Fischer sitzt ein 78-Jähriger. Er reibt sich nervös die Hände und versucht vom Tisch aufzustehen. Er starrt auf seine Suppe, dann auf das Besteck, greift schließlich zur Gabel und beginnt damit die Suppe zu löffeln. Sichtlich irritiert bitten seine Nebensitzerinnen um Hilfe. „Mit dem Löffel geht es besser“, sagt Anke Rudloff, Präsenzkraft für Hauswirtschaft und Pflege, und gibt ihm behutsam den Löffel in die Hand.

„Die Tagespflege ist etwas ganz Besonderes, natürlich auch mit besonderen Herausforderungen“, sagt Höger. So seien in ihrer Einrichtung viele verschiedene Menschen mit den unterschiedlichsten Krankheiten und Einschränkungen zu Gast. „Unsere Aufgabe ist es die Gruppendynamik so zu steuern, dass sich trotz den Unterschieden alle wohlfühlen“, erklärt sie. Mit dem Angebot soll nicht nur den Menschen mit Pflegebedarf geholfen werden. „Ganz wichtig ist für uns auch die Entlastung der pflegenden Angehörigen“, erklärt die Leiterin. Die Angehörigen seien oft schon für wenige Stunden dankbar, in denen sie sich um sich selbst kümmern könnten.

Lebensfreude wiedergefunden

Während sich die meisten Tagespflegegäste nach dem Essen ausruhen, kommt Erika Gischa erst jetzt dazu. Sie besucht die Einrichtung nur nachmittags. Freudig begrüßt sie alle Anwesenden und kommt mit jedem sofort ins Gespräch. „Man kennt sich halt“, sagt die 83-Jährige und lächelt. Sie war lange ehrenamtlich aktiv und hat früher unter anderem Besuchsdienste im Seniorenzentrum Carl-Joseph geleistet. „Dass ich jetzt selbst ein Angebot bei Carl-Joseph wahrnehme, ist wie heimkommen“, erzählt die Leutkircherin. Sie habe einige Jahre ihren kranken Ehemann zuhause gepflegt. Dieser sei dann plötzlich verstorben. Nur kurze Zeit später der nächste Schicksalsschlag: Erika Gischa bekommt einen Schlaganfall. „Von einer Sekunde auf die andere war mein ganzes Leben anders“, erinnert sich die Seniorin, „Ich musste mit meinen Ehrenämtern aufhören und mich komplett neu sortieren.“ Das Angebot der Tagespflege habe ihr dabei geholfen. Die Stunden, die sie dort verbringt, empfinde sie jedes Mal als sehr wertvoll. „Sonst wäre ich alleine zuhause, hier sitze ich mit vielen anderen am Tisch, kann singen, basteln oder einfach schwätzen“, sagt die 83-Jährige, „Das hier ist die beste Medizin für mich - sogar ohne Nebenwirkungen.“

Jeden Dienstag bekommen die Tagespflegegäste Besuch: Eine Dame spielt Tischharfe und singt mit den Senioren. Passend zum Wetter werden an diesem Dienstag Frühlingslieder gesungen: „Horch was kommt von draußen rein: Hola hi - Hola ho“. Auch der 78-jährige Mann singt mit. Noch vor wenigen Stunden wollte er seine Suppe mit einer Gabel essen, jetzt singt er aus voller Kehle. Als einziger kennt er alle Lieder, die heute gesungen werden, auswendig und wirft keinen einzigen Blick in das Gesangbuch.

Alt werden geht jeden etwas an. Nicht nur Senioren selbst oder jene Generation, die privat wie beruflich in der Mitte des Lebens steht und – vielleicht sorgenvoll - in die Zukunft blickt. Nein: Älter wird jeder Mensch. Jeden Tag. Darum beleuchtet die Serie „Hier will ich alt werden“ breit gefächert Themen wie Altersvorsorge, Leben mit Pflegebedürftigen, barrierefreies Wohnen oder auch Erben und finanzielle Vorsorge für Sie in Ihrem Lebensumfeld vor Ort.

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