Blasmusiker wollen Hoffnung nicht verlieren

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Anfang Januar gab es zwei Konzerte in der Festhalle mit dem Sinfonischen Blasorchester Leutkirch im Allgäu (SBLA) mit Dirigent T
Anfang Januar gab es zwei Konzerte in der Festhalle mit dem Sinfonischen Blasorchester Leutkirch im Allgäu (SBLA) mit Dirigent Thomas Wolf. Rund 70 Musiker aller Leutkircher Musikkapellen in ihrer jeweiligen Tracht zeigten das hohe Niveau. (Foto: Archiv: Carmen Notz)

Nicht nur größere Veranstaltungen aller Art fallen bis auf Weiteres aus, auch die geplante Begleitung durch Musikkapellen bei weltlichen und kirchlichen Festen und auch Konzerte und Feste der Musikkapellen. Ganz zu schweigen von unzähligen Proben, die nicht stattfinden können inklusive der Verbundenheit durch die Musik und die sozialen Kontakte. Wie gehen Dirigenten und Musiker mit einer Situation um, die beispiellos ist und kein „Handbuch“ hat?

Seit Mitte März sind alle Proben gestrichen, Konzerte abgesagt, Wettbewerbe gecancelt, der Fokus richtet sich auf die zweite Jahreshälfte. Zur aktuellen Lage nehmen zwei Dirigenten Stellung: Dirigent Thomas Wolf aus Unterzeil, musikalischer Leiter einiger Kapellen wie des Sinfonischen Blasorchesters Leutkirch im Allgäu (SBLA), des Kreisverbandsjugendblasorchesters (KJBO) und der Brass Band A7, sowie Stadtmusikdirektor Wolfgang Halder, Dirigent der Stadtkapelle Leutkirch, des Jugendblasorchesters (JBO) Leutkirch sowie Lehrer an der Jugendmusikschule Württembergisches Allgäu (JMS).

Geprobte Literatur gerät in Vergessenheit

„Aktuell planen kann man nicht wirklich. Nicht einmal die Jahreskonzerte im Herbst sind sicher. Es heißt: Abwarten und die Hoffnung nicht verlieren“, sagt Thomas Wolf und ergänzt: „Auf den ersten Blick überwiegen die teils extrem negativen Auswirkungen auf die Kapellen, denn Vereins- und Musikfeste müssen abgesagt oder verschoben werden. Kirchliche und weltliche Auftritte in der Gemeinde können nicht stattfinden und werden ersatzlos abgesagt. Bereits geprobte Literatur und vorbereitete Stücke geraten wieder in Vergessenheit und müssen irgendwann aufgearbeitet werden. Musikschulen sind geschlossen und viele freischaffende Musiker und Künstler stehen vor ernsthaften finanziellen Sorgen.“

Umso wichtiger ist es Thomas Wolf, in dieser „Zeit der Pandemie“ auch das wenige Positive deutlich zu unterstreichen: „Viele Musiker spüren wie viele andere auch, wie sehr ihnen das kulturelle Leben fehlt. Getreu dem Motto: Man weiß erst was man hatte, wenn man es verloren hat – oder darauf verzichten muss.“ Thomas Wolf spricht im Sinne vieler Kollegen und Musiker: „Uns allen fehlt die Musik als Teil unserer Freizeit, als Teil unseres Lebens. Umso größer wird die Freude sein, wenn wir wieder gemeinsam proben, musizieren und auftreten dürfen.“

Lederhose und Blasmusik sind „in“

Die Blasmusik habe in den vergangenen Jahren einen starken Aufschwung erlebt. Dirndl, Lederhose und Blasmusik seien bei der jungen Generation so beliebt und „in“ wie noch nie. Zu verdanken sei dieser Trend der sehr guten Jugendarbeit der Vereine und der professionellen Arbeit an den Musikschulen. Thomas Wolf ist überzeugt: „Diese positive Entwicklung ist schon viel zu weit fortgeschritten, als dass sie sich durch die aktuelle Pandemie beeinträchtigen lassen würde.“

Die Musiker aller Kapellen könnten eine Lockerung der Corona-Vorschriften kaum erwarten. „Alle, vom Dirigent bis zum Jungmusikant, würden genau da weitermachen, wo sie aufgehört hätten, vielleicht sogar noch intensiver“, sind sich Thomas Wolf und Wolfgang Halder sicher. Außerdem zwinge die Corona-Pandemie die Dirigenten und Musiker auf positive Weise zum kreativen Umgang mit neuen Medien in Verbindung mit Blasmusik. So gab es in den letzten Wochen beispielsweise unzählige „Distant-Banding“-Videos in den sozialen Netzwerken. Tausendfach wurden die Videos der Kapellen und kleinen Besetzungen geteilt und digital bejubelt.

Jeder Musiker empfindet anders

Stadtmusikdirektor Wolfgang Halder sei mit der Vorstandschaft des Fördervereins und den Musikern viel im Austausch. Es wedre versucht Wege zu finden, um einen möglichen Probebetrieb zu erarbeiten. „Besondere Situationen bedürfen besonderer Lösungen. Jeder Einzelne empfindet anders und ist mehr oder weniger sensibel eingestellt. Die Bedürfnisse und teils auch Ängste der einzelnen Musiker müssen akzeptiert und in die Pläne mit einbezogen werden“, sagt Halder. Sobald von der Regierung das „OK“ komme, würden Musikkapellen und Chöre den mit Sicherheit veränderten Probebetrieb starten.

Besonders schmerzhaft seien für Wolfgang Halder und seine Musiker gewesen, dass neben dem Frühjahrskonzert mit der Musikkapelle Haidgau jetzt auch das Kinderfest in Leutkirch aufgrund der „Corona-Vorgaben“ abgesagt werden musste. Für das Jugendblasorchester entfalle auch die geplante Konzertreise nach Lamalou-les-Bains. Man habe die zweite Jahreshälfte im Blick und werde sich dann auf das Herbstkonzert Ende November konzentrieren. Für die Musiker bleibe im Moment nur das Üben zu Hause, verbunden mit der Vorfreude auf die hoffentlich bald wieder beginnenden Proben.

Eltern und Schüler schätzen Video-Unterricht

Kreativ, innovativ, aber auch aufwendig ist der Umgang mit den neuen Unterrichtsformen an der Jugendmusikschule geworden. Viele Schulen und Lehrer sind auf digitale Plattformen umgestiegen, um den Unterricht weiterhin zu gewährleisten und ihre Schüler trotz Quarantäne und Kontaktverbot zu unterrichten. Viele Eltern und auch die Schüler selbst würden diesen Einsatz sehr zu schätzen wissen.

„Das enorme und manchmal fast nicht leistbare Engagement der Eltern, zum Teil unterstützt durch die Großeltern, muss hier erwähnt werden. Den Spagat zwischen beruflichem Home-Office, Home-Schooling, fehlender Hardware in Verbindung mit den normalen ,Alltagssorgen’ ist manchmal fast nicht zu schaffen. Erschwerend kommt in manchen Ortsteilen die teils immer noch schwache und langsame Internetverbindung hinzu“, betont Halder.

Unterricht per Video sei für alle ungewohnt, doch jeder JMS-Lehrer versuche, die bestmögliche Betreuung aller seiner Schüler zu gewährleisten. Wann genau die Musikschulen ihre gesamtumfängliche Arbeit wieder aufnehmen dürfen, stehe aktuell noch nicht fest. „Die Bedenken seitens der Politik sind noch sehr groß. Bis zum normalen Schulalltag wird es also noch eine Weile dauern“, so die Dirigenten.

Zwar ist Musikunterricht seit dem 6. Mai wiede erlaubt, allerdings nicht wenn es um Blasinstrumente geht. Wie das Kultusministerium schreibt, sei hier „aufgrund der erhöhten Abgabe verbrauchter Atemluft“ von einer erhöhten Infektionsgefahr durch Tröpfcheninfektion und Aerosole auszugehen.

Die Blasmusikverbände Biberach, Bodenseekreis, Ravensburg und Sigmaringen äußern sich dazu in einer Pressemitteilung: „Die Situation stellt eine große Belastung und Herausforderung für uns und unsere Mitgliedsvereine dar.“ Die Differenzierung beim erlaubten Musikunterricht zwischen den Blasinstrumenten und anderen Instrumenten sei zu hinterfragen.

„Wir fordern das Kultusministerium auf, das Thema ,Abgabe von verbrauchter Atemluft’ und der ,Aerosole’ näher zu untersuchen und die Maßgaben und Bedingungen für die Durchführung des Musikunterrichts auch bei diesen Instrumenten zu benennen.“

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