Biber spaziert „ganz gechillt“ durch Leutkirch und erschreckt Fußgänger

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Platz da, ich habe Vorfahrt.
Platz da, ich habe Vorfahrt. (Foto: Gisela Sgier)
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„Platz da, ich habe Vorfahrt“ – Mit der Selbstverständlichkeit und Ruhe, mit der ein Biber SZ-Mitarbeiterin Gisela Sgier am Donnerstagmorgen bei der Überquerung der Eschach hinter dem Leutkircher Jugendhaus entgegenkam, wollte er vermutlich genau das ausdrücken. Und es funktionierte auch. „Ich war so erschrocken, dass ich erst einmal zurückgewichen bin“, erzählt Sgier. Anschließend sei er „ganz gechillt“ Richtung Mohrenbrücke „gewatschelt“.

Sichtung im März

Bereits im März berichtete die SZ über die Sichtung eines Bibers in der Leutkircher Innenstadt. Da es bei Bibern normal ist, dass die Jungtiere von ihren Eltern vertrieben werden, wenn sich neuer Nachwuchs ankündigt, müssen sich diese auf die Suche nach einem eigenen neuen Gewässer machen, erklärte Stadtförster Karl-Josef Martin damals. Und dazu würden sie eben auch die Eschach als Weg nutzen.

Biber läuft tagsüber durch die Stadt
Spaziergang an der Eschach: An der Kreuzung bei der Mohrenbrücke in Leutkirch, mitten in der Stadt, filmte ein Leser der Schwäbischen Zeitung am Samstagfrüh gegen 7 Uhr einen Biber, der dort entlang lief.

Die Eschach selbst kommt für Biber als dauerhafter Lebensraum nicht in Frage, erklärte Martin weiter. Dort sei zu viel Wasser, beziehungsweise oft eine zu starke Strömung. Außerdem ist das Ufer befestigt. „Die Jungtiere wandern die Eschach auf und ab und schauen, wo es weitergeht“, so Martin. Allerdings seien entlang der Eschach auch außerhalb des Leutkircher Stadtgebietes schon alle tauglichen Gewässer durch Artgenossen besetzt.

„Mir tun die Kerle leid“, sagte Martin. Denn durch die dicht besiedelte Landschaft gebe es schlicht keine freien Lebensräume mehr für sie. Und dort, wo die Landschaft nicht so dicht besiedelt ist, etwa entlang der Wurzacher Ach, werden die Flächen landwirtschaftlich bis nah an den Bach hin bewirtschaftet, so Martin. Eine mögliche Lösung laut Martin wären mehr „naturbelassene Uferbereiche“.

Aber er selbst weiß auch, dass das angesichts der immer knapper werdenden verfügbaren Flächen schwer umsetzbar ist. „Das ist eine schwierige Sache, die nicht leicht zu lösen ist.“

„Regulierung“ durch Autoreifen

Dass die regionale Biberpopulation nicht durch gezielte Bejagung einzelner Jungtiere den verfügbaren Lebensräumen entsprechend angepasst werden kann, liegt daran, dass der Biber eine geschützte Tierart ist, erklärt der Stadtförster. Aber selbst wenn die Jagd auf ihn erlaubt wäre, wäre es schwer, gezielt die Jungtiere zu erlegen. Im Moment wird „die Population über die Autoreifen reguliert“, so Martin.

Laut dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) war der Biber in Baden-Württemberg lange Zeit verschwunden. Die letzten Biber hier wurden demnach um 1846 erlegt. Nach 130 biberlosen Jahren wurde Mitte der 1970er Jahre der erste Biber wieder in Baden-Württemberg an Hochrhein und Oberrhein gesichtet, erklärt der NABU Baden-Württemberg auf seiner Homepage.

Die Besiedelung Baden-Württembergs erfolgte laut NABU aus Bayern entlang der Donau und aus der Schweiz entlang des Hochrheins. Heute – Stand Februar 2019 – ist er in allen vier Regierungsbezirke des Landes wieder heimisch und seine Population wird auf 3500-4000 Tiere (Stand Dezember 2016) geschätzt, so der NABU.

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