Beim „Talk vorm Bock“ ist die Festhalle rappelvoll

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 Gottfried Härle
Gottfried Härle (Foto: Bernd Guido Weber)
Bernd Guido Weber

Da staunt Karl-Anton Maucher: Der Moderator von „Talk vorm Bock“ hat nach der wetterbedingten Verlegung in die Festhalle mit einem halbvollen Saal gerechnet. Stattdessen drängen sich die Menschen, weitere Stühle sind nötig, etliche müssen stehen. Bereut hat niemand sein Kommen. Die Gespräche mit den „Leutkircher Köpfen“ sind lebendig, geben Einblicke. Die Saalspende von 3100 Euro kommt dem Hospiz Ursula im früheren Leutkircher Krankenhaus zugute. Evelyn Mauch hat zuvor über Leben und Abschied gesprochen. Ohne Larmoyanz, konkret, sympathisch und offen. Das berührt.

 Evelyn Mauch spricht beim Talk auch Barrieren in Leutkirch an.
Evelyn Mauch spricht beim Talk auch Barrieren in Leutkirch an. (Foto: Fotos: Bernd Guido Weber)

Evelyn Mauch, Leiterin des Ende Juni eingeweihten Hospizs Ursula im früheren Leutkircher Krankenhaus, sitzt im Rollstuhl. Seit dem 5. Mai 2011, als ein Autofahrer bei Herlazhofen die Rennradfahrerin übersehen hat. Natürlich thematisiert der gut vorbereitete Moderator diesen Schicksalsschlag. Wie geht man damit um mit den Tiefs, Hoffnungen, Gedanken? Die zuvor erfolgreiche Triathletin, Sportlerin durch und durch, weicht keiner Frage aus. Betont den Rückhalt durch Familie, Freunde, ihres Herlazhofener Vereins.

Spricht die Barrieren in Leutkirch an. Auf dem groben Kopfsteinpflaster ist sie schon zweimal fast gestürzt. Die Geschäfte, die eine Stufe vor der Tür haben. Für einen Rolli unüberwindlich. Hilfe möchte sie möglichst wenig in Anspruch nehmen. Selbst mobil, selbstständig sein.

Hospiz ist Hauptthema

Hauptthema ist das Hospiz. Die gelernte Krankenschwester hat Weiterbildungen besucht, Organisation, Palliativmedizin. Zur Zeit hat das Hospiz vier Gäste, so der aus alten Zeiten übernommene Begriff, acht Plätze sind vorhanden. Unheilbar Kranke, Heilung ausgeschlossen, eine Versorgung zu Hause nicht möglich. Das Ziel: Lebensqualität erhalten, Würde bewahren, die Symptome lindern.

 Plaudert aus dem musikalischen Nähkästchen: Manfred Baumgärtner.
Plaudert aus dem musikalischen Nähkästchen: Manfred Baumgärtner. (Foto: Bernd Guido Weber)

Früher ist der Mensch im Kreise seiner Familie gestorben, „Sterben gehört zum Leben“. Mauch berichtet von ihren Erfahrungen als Krankenschwester, als Sterbende ins Badezimmer, in einen Abstellraum geschoben wurden. Im Hospiz Ursula können auch die letzten Tage als wertvoll erlebt werden, im Kreis von Familie, Freunden. „Es fühlt sich richtig an, was ich mache“, sagt Evelyn Mauch. „Ich mache das gerne, dies ist mein Ding“.

Gottfried Härle bei einem Talk zu befragen klingt einfach. Er ist bekannt, stets engagiert. 30 Jahren in der Kommunalpolitik aktiv. Stimmenkönig bei der Gemeinderatswahl. Grüner Vorzeigeunternehmer, Sponsor zahlreicher Events und Veranstaltungen. Vehementer Fürsprecher des Bleiberechts für Flüchtlinge mit festem Job. Man meint, „den Härle“ zu kennen.

„Bekömmliches Bier“

Dass Karl-Anton Maucher das Gespräch mit dem „bekömmlichen Bier“ eröffnet, überrascht nicht. Ebenso wenig, dass Härle betont, sein Bier sei gut, nicht schädlich. Maßvoll genossen, wohl gemerkt. Ob es ihm um die Werbung gegangen sei, als er alle juristischen Mittel ausgeschöpft hat, um sein Bier weiter als „bekömmlich“ bezeichnen zu können? Nein, sagt Härle, es sei ihm ums Thema gegangen. Und wenn sein Name in Kiel oder sonst wo bekannt sei, habe dies keine Auswirkung auf den Umsatz. Er liefere im Prinzip nur in einem Umkreis von 50 Kilometern. Klimaneutral, auch durch CO2-Ausgleichszahlungen an atmosfair. Nun ja. Gute Promotion ist der Rechtsstreit wohl allemal gewesen.

In den Schlagzeilen ist Härle für seinen Kampf gegen das Abschieben von gut integrierten Flüchtlingen. Mit Antje von Drewitz (Vaude) hat er eine Initiative gegründet, mittlerweile stehen 170 Unternehmer dahinter. „Ein rechtschaffener, ehrlicher Gambier ist seit 2015 bei uns. Mittlerweile beschäftigen wir sechs Geflüchtete unter 35 Jahren. Sie werden gebraucht. Dass sie die Abschiebung fürchten müssen, ist ein Skandal!“ Tosender Beifall.

Um Nachhaltigkeit geht es. Um die soziale Verantwortung eines Familienbetriebes. Um die Konkurrenz. „Er kämpfe da mit harten Bandagen“, gibt Maucher eine Meinung wider. Unsinn, sagt Härle. Man wolle sich natürlich hier behaupten in dieser noch intakten Bierlandschaft. „Gute Biere brauen auch andere. Wenn ich den Chef von Meckatzer oder den in Rettenberg treffe, grüßen wir uns freundlich.“

Auch bei Fragen zur Kommunalpolitik bleibt Härle authentisch. Er habe damals für die Klenk-Ansiedlung in der damaligen Muna Urlau gestimmt, wie die anderen Ratskollegen. „Das kann man heute hinterfragen. Die Ausweisung als Industriegebiet habe ich aber abgelehnt.“ Zum Glück habe die Wirtschaftskrise die Klenk-Pläne gestoppt. Der jetzige Ferienpark sei ein Verdienst des Oberbürgermeisters. Ob der Leutkircher Gemeinderat zu sehr auf Konsens bedacht sei? Nein, es gehe darum, die Stadt voranzubringen. „Die Isnyer Verhältnisse wollen wir nicht“.

Spannend wird es bei der Frage der Nachfolge. Härle und seine Frau haben keine Kinder, bald ist er „im Rentenalter“. Härle: „Mein Vater ist 95 geworden, ist noch eine Woche vor seinem Tod zu den Kunden gegangen. „Warum soll ich mit 65 aufhören?“ Die allmähliche Nachfolge sei geregelt, mit einer Nachbarin, die den Betrieb kennt, bereits mitarbeitet. Und wohl ähnlich tickt wie Gottfried Härle.

Witzig wird es beim letzten Gast, dem 1976 in Leutkirch geborenen Manfred Baumgärtner, Abitur am Hans-Multscher-Gymnasium. Seit 2007 ist er Solofagottist der Jenaer Philharmoniker, nach Studien in Mannheim und Berlin, einer Stelle als Lehrbeauftragter an der Universität der Künste in Berlin. Ein Germanistikstudium hat er nebenbei auch abgeschlossen. Baumgärtner plaudert aus dem Nähkästchen, schildert humorvoll, mit vielen Gesten, das Musikerleben, wie es tatsächlich ist. Vorspielen um eine feste Stelle? In Hamburg ist seit zehn Jahren keiner dabei, der das Orchester überzeugt hat. Und nach der Probezeit von einem Jahr stimmt das Orchester ganz demokratisch ab, ob man bleiben darf. Intensive Proben vor einem Konzert? Ach was. Montags je zweieinhalb Stunden vormittags und nachmittags, am Dienstag ebenso, mittwochs um zehn die Generalprobe, Konzert um 20 Uhr.

Der Dirigent mache dabei die „Außenarchitektur“, aber „80 Prozent der Innenarchitektur machen wir“. Karl-Anton Maucher, selbst Musikfreund, dem die Unterhaltung sichtlich Spaß macht, fragt: „Gibt es, dass ein Dirigent fuchtelt, und sie spielen, wie sie wollen?“ Klar, antwortet Baumgärtner. „Bei uns Musikern heißt das: am Abend wie immer“.

Das große Fagott hat er mitgebracht, intoniert ein Stück von Johann Sebastian Bach solo. Bringt dann mit „Just friends“ den Klassiker „Autumn Leaves“. Im Zwiegespräch mit dem Flügelhorn von Stefan Sigg, wunderbar weich.

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