Bei Nicolo Sari klatschen viele noch vor dem Schluss

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„Il Gusto Italiano“: Nicolo Sari an der Orgel in St. Martin.
„Il Gusto Italiano“: Nicolo Sari an der Orgel in St. Martin. (Foto: Weber)
Bernd Guido Weber

Das ist ungewöhnlich: Bereits nach dem dritten Stück applaudieren viele Besucherinnen und Besucher in St. Martin, feiern so einen besonderen Orgelvirtuosen. Nicolo Sari aus Venedig hat da gerade das „Adagio per l´Elevazione“ beendet, komponiert von Vincenzo Petrali. Ein kühnes Stück, von dunklen Momenten über gleißenden Himmel hin zum klaren, hellen Licht.

Begonnen hat der etwas schüchtern wirkende, freundliche 30-Jährige mit einem klangmächtigen Werk von Johann Christian Rinck. Sechs Variationen über ein Thema von Corelli. Brigitte Göser vom Förderkreis Kirchenmusik weist auf die frühere Bedeutung Rincks hin. Er ist weltberühmt gewesen, zu seiner Zeit und danach. Sie vertritt bei dieser Matinee in der angenehm kühlen Kirche Regionalkantor Franz Günthner, der selbst auf Tournee ist. Göser bittet um Verständnis, sollte die Bildübertragung auf der großen Videoleinwand ausfallen. Zwei Marder haben die Turmrenovierung genutzt, sich im Dach des Kirchenschiffes eingenistet. Offenbar haben sie die Übertragungskabel noch nicht angeknabbert – die Technik funktioniert.

Der Choral aus der 2. Sinfonie von Louis Vierne hat ein einfaches, eingängiges Thema, fast schon eine Pastorale. Dies wird ausgebaut, erst ruhig, dann mit flotterer, hellerer Mitte. Farbenschön.

Der Hammer aber ist „Le sanguinose giornate di marzo ossia la rivoluzione di Milano“. Padre Davide da Bergamo erzählt darin vom siegreichen Aufstand der Milanesen gegen die österreichischen Truppen. Oberitalien gehört zu dieser Zeit zum riesigen Reich der Habsburger. Ein blutiger März im Jahr 1848, Bürgermilizen gegen die Tiroler Jäger unter dem Kommando von Feldherr Josef Graf Radetzky. Beginn des ersten nationalen Aufstandes der Italiener, der allerdings später scheitert.

Padre Davide da Bergamo (1791-1863) inszeniert die Orgel als Orchester, in seiner Heimatkirche ausgestattet mit Trommeln, Pauken, Becken. Schlagwerk steht in Leutkirch freilich nicht zur Verfügung. Macht nichts – Davide da Bergamo bietet auch hier Breitwandkino, nimmt, salopp ausgedrückt, den heutigen Actionfilm in musikalischem Großformat vorweg. Ein gewaltiges Stück. Am Ende vertreiben die Milanesen die Besatzer, der Siegesmarsch gerät triumphal.

Viel, viel Beifall, die meisten erheben sich. Nicolo Sari bedankt sich mit einer wunderschönen Melodie, dem Adagio aus dem Konzert in d-Moll von Allessandro Marcello. Umgeschrieben von Johann Sebastian Bach für das Cembalo, jetzt feinsinnig auf der Orgel.

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