Aus Gretchen wird Margarete

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 Sie spielen eindrucksvoll die Wandlung von Gretchen zu Margarete (von links) Laura Karl, Anna Matic und Lena Schäffeler
Sie spielen eindrucksvoll die Wandlung von Gretchen zu Margarete (von links) Laura Karl, Anna Matic und Lena Schäffeler (Foto: Hans Reichert)
Hans Reichert

Die Mittel- und Oberstufentheater-AG des Hans-Multscher-Gymnasiums hat bei ihrer Aufführung von Goethes „Faust“ im Cubus bewusst eigene Akzente gesetzt. So soll in Zeiten der MeToo-Debatte vor allem die bisher vernachlässigte Margarete ins Zentrum des Geschehens rücken

Gretchen, das kleine schwache Mädchen wird ins Verderben gestürzt und Schuld hat der Dr. Faust, hochstudiert und scharf auf junge Mädchen. Sein Pakt mit Mephisto macht ihn zu einem ansehnlichen Mann, der es dann so versucht: „Mein Fräulein, darf s ich wagen, Ihnen Arm und Geleit anzutragen?“ Er ist erfolgreich. Bald spricht es sich herum unter den Frauen am Brunnen: „Sie isst nun für zwei!“

Im Kerker ist Gretchen ganz allein, das Kind hat sie ertränkt, Mutter und Bruder durch ihre Schuld tot. „Wer war es, der dich ins Verderben stürzte? Ich oder Du?“ So wartet sie auf ihre Hinrichtung. Schaurig-schön gestaltet singt Nina Grubmüller das traurige Lied vom König von Thule. Auf die Hilfe zur Flucht verzichtet Gretchen und will ihr Schicksal in Gottes Hand legen. Das führt zur Erlösung. Aus Gretchen wird die starke Frau Margarethe. Darstellerin Lena Schäffeler: „In meiner Rolle als Margarethe kann ich ich sein und gleichzeitig für alle andere Menschen sprechen, denn jeder Einzelne ist manchmal eine Margarete. Ich. Der Leiharbeiter. Die Putzfrau. Und auch Du!“´

Die Spielleiter Maria Bertele und Thomas Moser holen aus dem verpflichtenden Lesestoff aus dem Reclamheftchen eine, die sich auch vor einem wünschenswert größeren Publikum sehen lassen kann. Genial ist die Besetzung der Hauptfiguren mit mehreren Akteuren. So spielen Laura Karl, Anna Matic und Lena Schäffeler die Margarete, Dr. Faust wird von Leonard Kolb, Ruth Konrad und Lada Petrenko gespielt. Der Hexensabbat auf dem Blocksberg kommt mit Ausdruckstanz auf die gespenstische Wirkung. Die Maske (Michelle Modery) und die Bühne sind minimalistisch mit weißen Gesichtern und schwarzer Kleidung und damit gibt sich volle Konzentration auf den Text. Und der wird in klassischem Versmaß – ganz ohne Verhunzung – klar und deutlich gesprochen.

Theater als moralische Anstalt

Die Akteure kennen das Drama genau. Das gesprochene Wort lebt, bringt die Dramatik zu den Zuschauern. „Wir haben von der Theater-AG schon viel mitgenommen,“ sagen die Elf- und Zwölfklässler. „Das ist Abi-Stoff und wir haben drüber schon eine Klausur geschrieben.“

Eine starke Wirkung hat der Schlussmonolog. Eine vom Gretchen zur starken Frau gewandelte Margarete (Lena Schäffeler) zitiert Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und dennoch würde jede zweite deutsche Frau sexuelle Belästigung erfahren, würde beleidigt und unterschätzt. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ so steht es im Grundgesetz Artikel 3, Abs. 2, also Schluss mit Schönheitswahn und Selbstkritik, mit Klischees und Rollenbildern!“ und weiter geht der Rap „Ob Hose oder Kleid, ob kurze oder lange Haare, ob mit oder ohne Tage, ob rosa oder blau, ich bin doch ich und nicht nur Frau!“

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