Aufführung in Kirche fesselt und berührt

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Höchste Konzentration war bei Bachs Musik erforderlich.
Höchste Konzentration war bei Bachs Musik erforderlich. (Foto: Wolfgang Roth)
Wolfgang Roth

Die Kantorei St. Martin hat am Sonntagabend in der St Martinskirche in Leutkirch die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach aufgeführt. Unter der Leitung von Regionalkantor Franz Günthner zusammen mit der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben erklang dieses einzigartige Werk geistlicher Musik und hinterließ einen nachhaltigen Eindruck.

Die Vertonung der Leidensgeschichte Jesu Christi nach dem Johannesevangelium wurde ganz bewusst auf diesen Termin gesetzt, quasi am Höhepunkt der Vorbereitungszeit auf Ostern. Sie beeindruckte nicht nur wegen der musikalischen Dichte, sondern auch aufgrund ihrer theologischen Aussage.

Viele Rätsel

Die Entstehungsgeschichte dieser Passion birgt viele Rätsel. Bach hat dieses Werk ein Leben lang beschäftigt und mehrmals überarbeitet. Sie gilt als eine der größten Leistungen der abendländischen Musikgeschichte. Er komponierte es 1724, während seiner Leipziger Jahre.

Ein düster gehaltener Eingangschor sorgte für eine ungeheuer geladene Atmosphäre. Der Chor steht in diesem Werk im Mittelpunkt. In den Turba-Chören, die die verschiedenen Gruppen, zum Beispiel die Jünger, die Juden oder die Kriegsknechte, darstellen, wurde die höchst dramatische und herzergreifende Handlung umgesetzt.

Höchste Freude, tiefstes Leid

Die erbrachte Leistung kann nicht hoch genug gewürdigt werden. In den Chorpassagen drückte sich die gesamte Bandbreite der menschlichen Existenz aus. Da gab es Momente höchster Freude, tiefsten Leides, verächtlichster Falschheit und purer Ergriffenheit. All diese mannigfaltigen Facetten meisterte der Chor in unnachahmlicher Präsenz. Selbst schwierigste, genau auf den Punkt zu bringende spitzige Einwürfe („Wohin?“ in „Eilt, ihr angefochtnen Seelen“) gelangen wie aus einem Guss.

Die Verdichtung der Dramatik im zweiten Teil der Passion war kaum zu überbieten. In den Chorälen, mit denen Bach eine übergeordnete Ebene schafft und die gleichsam als Zäsuren des Geschehens zu betrachten sind, wurden die Zuhörer zum Nachdenken über das Leiden Christi und auch über sich selbst angeregt.

Hervorragend abgestimmt

Ein hervorragend abgestimmtes Solisten-Ensemble komplettierte dieses einzigartige Klangerlebnis. Tobias Hunger als Evangelist schilderte die Geschehnisse eindringlich. Die Gefühlslage des Menschen setzte er in Töne um, wenn er zum Beispiel das Zerreißen des Vorhangs im Tempel oder die Geißelung Jesu technisch meisterhaft ausdrückte. Nach der barocken Affektenlehre wurde auch in den Arien tonmalerisch erzählt.

Andreas Pehl als Altus faszinierte durch seine selten zu hörende Stimmlage. Gertrud Hiemer-Haslach, Sopran, beeindruckte in ihren Arien mit ihrer die Geschmeidigkeit und warmen Färbung in ihrer Stimme. Thomas Stimmel, der den Jesus sang, bewahrte stets die in diesem Part unabdingbare Würde. Franz Xaver Schlecht blieb selbst in den forderndsten Koloraturen locker und lebte seine Rolle als Pilatus aus.

Altertümlich klingend

Das Orchester spielte mal stützend, mal selbstständig. In manchen Sätzen wurden altertümlich klingende Instrumente eingesetzt, so an der Stelle, als der Tod Jesu von einer Gambe (Kniegeige) beklagt wurde. Das professionell besetzte Orchester zeigte seine Stärke in der enormen Musizierfreude und technischen Versiertheit und interpretierte Bachs Musik äußerst lebendig. So hatte diese Aufführung auch durchaus ein historisches Moment. In der nunmehr beinahe 500-jährigen Geschichte der St.-Martinskirche wurde sie zum ersten Mal vom katholischen Kirchenchor der Gemeinde und Projektsängern und -sängerinnen aufgeführt.

Die geistigen und geistlichen Anregungen sind auch heute durchaus noch von Bedeutung und besitzen nach wie vor eine aktuelle Aussagekraft. Die zahlreichen Zuhörer, das Mittelschiff war vollständig besetzt, trafen auf eine aufwändige kompositorische Verarbeitung, verknüpft mit einer genialen satztechnischen Architektur und einer musikalischen Aussage, die dem Gehalt der Texte auf den Grund geht. Das alles in einer durchweg stimmigen und vollends gelungenen Aufführung.

Lang und intensiv

Dreh- und Angelpunkt dieses Konzerts war Regionalkantor Franz Günthner, der vom Dirigentenpult aus seine Sänger mitriss. Die lange und intensive Probenarbeit hat sich mehr als ausgezahlt. So waren ihm und seinem Chor die Freude und Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Am Ende der zweistündigen Aufführung verklang quasi als universelle Botschaft: „Ich will dich preisen ewiglich! “

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