Auf den Spuren eines europäischen Heiligen

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 Gruppenbild auf der Heimfahrt: die Pilger vor der romanischen Abteikirche in Ottmarsheim im Elsass.
Gruppenbild auf der Heimfahrt: die Pilger vor der romanischen Abteikirche in Ottmarsheim im Elsass. (Foto: Sabine Centner)
Sabine Centner

Auf den Spuren von Sankt Martin: Sechs Tage lang war eine 40-köpfige Pilgergruppe jüngst in Frankreich unterwegs, um die wichtigsten Wirkungsstätten des großen Heiligen zu besuchen.

Anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Leutkircher St.-Martinskirche führten Pfarrer Karl Erzberger und Pfarrpensionär Ludwig Endraß aus Niederwangen die Pilger über Nevers und Bourges nach Tours, wo Martin im vierten Jahrhundert als Bischof wirkte, an dessen Sterbeort Candes und zu den Klostergründungen Marmoutier und Ligugé. Einen Eindruck von der weltlichen Prachtentfaltung früherer Zeiten vermittelte schließlich der Besuch des gewaltigen Schlosses Chambord an der Loire.

Es war die bislang heißeste Woche des Jahres, in der sich die Pilger aus Leutkirch und Wangen auf den Weg machten. „Martinus folgen“, so hieß das Motto, und dass es dabei meist in angenehm kühle Kirchen und Kapellen ging, war bei Temperaturen von bis zu 40 Grad hoch willkommen. Der erste Stopp freilich galt nicht Martinus, sondern Bernadette Soubirous, jener später heilig gesprochenen Ordensfrau, die als 14-Jährige 1858 in Lourdes mehrere Marien-Erscheinungen gehabt hatte. In Nevers am Ufer der Loire, wird sie, unverwest in einem gläsernen Sarg ruhend, bis heute verehrt.

Überwältigend am nächsten Tag die Kathedrale von Bourges. Seit 1992 zum Unesco-Weltkulturerbe gehörend, fasziniert das fünfschiffige gotische Bauwerk (erbaut 1195–1255) mit leuchtend farbigen Glasfenstern aus dem 13. Jahrhundert. Danach ging die Fahrt nach Tours, wo Martin von 372 bis 397 als Bischof wirkte. Ums Jahr 316 in Szombathely im heutigen Ungarn geboren, kam Martinus als römischer Soldat nach Frankreich, wo er von 334 an in Amiens stationiert war. Dort, so die Legende, teilte er seinen Mantel mit einem armen, unbekleideten Bettler, worauf ihm in der folgenden Nacht Christus erschienen sei. Im Jahr 351 ließ er sich taufen und bat um Entlassung aus dem Armeedienst – um „Soldat Christi“ zu werden.

Tours im Herzen des Loiretals ist bis heute Bischofssitz. Neben der gotischen Kathedrale Saint-Gatien lag den Pilgern vor allem die Basilika Saint-Martin de Tours am Herzen, jene Kirche, in deren Krypta der Heilige Martin beigesetzt ist. Pfarrer Erzberger sprach dort beim nachmittäglichen Gottesdienst von Martinus als einem „europäischen Heiligen“ – einem, der quer durch Europa gewandert sei, sich für den Frieden eingesetzt habe und der noch heute „so viele Menschen auf den Weg bringt“.

Schon 361 hatte er in Ligugé ein Kloster gegründet, das älteste des Abendlands, das heute noch von 25 Mönchen bewohnt wird. Bischof werden wollte er freilich nicht, da mussten die Bürger von Tours schon eine List anwenden und ihn unter einem Vorwand in die Stadt locken, wie sein Biograf Sulpicius Severus schreibt. Viel lieber hätte er in Ligugé als Einsiedler gelebt oder im 371 gegründeten Kloster Marmoutier – doch beide Orte, ebenfalls Ziele der Pilgerreise, wurden schnell von zahlreichen Mönchen bevölkert.

Und weil schon damals nicht immer eitel Friede herrschte, auch nicht unter Klerikern, war Martinus selbst als 81-Jähriger noch gefordert: In Candes, einem kleinen Dorf am Zusammenfluss von Loire und Vienne, schaffte er es noch, zwischen den zerstrittenen Parteien seines Bistums zu vermitteln und Frieden zu stiften, ehe er starb. Zum Gedenken wurde an dieser Stelle im 13. Jahrhundert die Stiftskirche Candes Saint-Martin erbaut, ein bis heute viel besuchter Ort, der auch im Programm der Allgäuer Pilger nicht fehlte.

Die romanische Kirche Notre Dame la Grande in Poitiers bot bei 40 Grad Celsius ebenso die ersehnte Abkühlung wie das eindrucksvolle Baptisterium Saint Jean mit Fresken aus dem fünften und sechsten Jahrhundert. Und weil eine Loire-Reise irgendwann immer auch zu einem der berühmten Schlösser führt, stand am Schluss noch ein Besuch in Chambord an. Das größte aller Loire-Schlösser ist umgeben von Wäldern und Ländereien größer als ganz Paris.

2200 Kilometer hatte Busfahrer Werner Bodenmüller mit den Pilgern am Ende zurückgelegt, im klimatisierten Bus. Martinus’ Reisen kreuz und quer durch Europa waren weit mühsamer: auf Pferderücken und zu Fuß.

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