Wie in Kißlegg Völkerverständigung mithilfe von Schubkarren gelingt

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Jugendliche sämtlicher Nationen legen am Zellersee in Kißlegg einen Biodiversitätsgarten, der naturnah und insektenfreundlich wi
Jugendliche sämtlicher Nationen legen am Zellersee in Kißlegg einen Biodiversitätsgarten, der naturnah und insektenfreundlich wie auch offen für alle sein soll. (Foto: Paul Martin)
Paul Martin

Graue Wolken hängen an diesem Vormittag über dem Zellersee. Auf der Baustelle, wo Jugendliche sämtlicher Nationen einen Biodiversitätsgarten anlegen wollen, beginnt es zu tröpfeln. Die jungen Europäer wissen nicht recht, ob sie weitermachen oder lieber abbrechen sollen. Bürgermeister Dieter Krattenmacher hat sie gerade besucht und schlägt vor, in der nahegelegenen Sankt-Anna-Kapelle Unterschlupf zu suchen.

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Jugendliche sämtlicher Nationen legen am Zellersee in Kißlegg einen Biodiversitätsgarten, der naturnah und insektenfreundlich wie auch offen für alle sein soll. (Foto: Paul Martin)

Die nächste Beerdigung sei erst am Nachmittag. An der Kapelle angekommen, wundert sich der Rathauschef, warum ihm niemand mit ins Innere des Gotteshauses folgt. Die Jugendlichen erklären, dass sie Arbeitsklamotten tragen und ein bisschen verdreckt sind. So gehe man nicht in eine Kapelle. In Deutschland ginge das in Ausnahmefällen schon, sagt Krattenmacher auf Englisch. Das wollen die Jugendlichen nicht hören. Sie setzen sich auf die Stufen vor dem Barockbau. Der Bürgermeister setzt sich dazu. Man kommt ins Gespräch.

Von Gelassenheit und Freundlichkeit in Kißlegg begeistert

„So was gibt es bei uns nicht“, sagt Inga aus der Ukraine. Sie ist fasziniert darüber, dass sich das Gemeindeoberhaupt zu den Jungen auf den Boden setzt. Allgemein beeindruckt sie die Gelassenheit und Freundlichkeit, die sie in Kißlegg offenbar vorgefunden hat. Zwei Eigenschaften, die dem „verdruckten Allgaier“ selten zugeschrieben werden. „Hier freut man sich an der Natur, jeder sagt Hallo und alles ist so familiär.“

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Jugendliche sämtlicher Nationen legen am Zellersee in Kißlegg einen Biodiversitätsgarten, der naturnah und insektenfreundlich wie auch offen für alle sein soll. (Foto: Paul Martin)

Einen ähnlichen Eindruck wie Inga haben auch Lisa und André. Sie kommen ausgerechnet aus dem Land, mit dem die Ukraine sich im einzigen Krieg Europas befindet: Russland. „Wir reden viel über Politik. Was man ändern könnte und so“ erzählt Lisa. „Wir haben die gleiche Sicht.“ Inga wird konkret: „Unsere Länder haben eine schlechte Beziehung. Wir hören ja normalerweise auch nur Vorurteile in den Medien. Aber hier in Kißlegg ist alles so multikulturell.“ Ob man das auch so sieht, wenn man praktisch sein gesamtes Leben in Kißlegg verbracht hat?

Teilnehmer wohnen im Floriansstüble der Kißlegger Feuerwehr

Für die Teilnehmer des IBG (Internationale Begegnungen in Gemeinschaftsdiensten) Projekts muss es wohl so sein. Jede Mahlzeit, die sie in ihrer Zeit in Kißlegg bekommen, wird von einem Teilnehmer in der Manier des jeweiligen Heimatlandes gekocht. Und das im Floriansstüble der Kißlegger Feuerwehr, denn dort im Feuerwehrhaus wohnen die jungen Leute. Bettnachbarin von Inga aus der Ukraine ist Anna aus Rom. Sie findet: „Die ganze Umgebung hier entspannt schon von allein.“

In Rom habe sie oft das Gefühl eine unter vielen Fremden zu sein. Das sei im überschaubaren Kißlegg nicht so. „Hier kommt man sich nicht als Fremder vor. Solange man zu den Menschen auf der Straße Hallo sagt.“ Landleben eben. Wie sich dieses in Europa unterscheidet, hat Nebojsa aus Serbien festgestellt: „Für mich ist es faszinierend, wie gut die Leute hier in kleinen Orten leben können.“ Chancen auf ein Leben in Wohlstand – wie auch immer man das definieren mag – geben es in seiner Heimat nur in großen Städten.

Jugendliche sämtlicher Nationen legen am Zellersee in Kißlegg einen Biodiversitätsgarten, der naturnah und insektenfreundlich wi
Jugendliche sämtlicher Nationen legen am Zellersee in Kißlegg einen Biodiversitätsgarten, der naturnah und insektenfreundlich wie auch offen für alle sein soll. (Foto: Paul Martin)

Im kleinen Kißlegg hat sich der kurze Regen inzwischen gelegt. Von der Sankt-Anna aus gehen die Jugendlichen wieder ein paar Hundert Meter gen Zellersee zu ihrer Baustelle. Naturnah und insektenfreundlich wollen die jungen Europäer hier einen Garten gestalten, der offen ist für alle. Die Fläche soll der Biodiversität verschrieben sein und Anregungen zur Gartengestaltung abseits des Mähroboters bieten. Spaziergänger sollen sich im Garten wohlfühlen. Vor allem aber eine Menge Insekten.

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