Vom Motorradrennfahrer zum Hospizbetreuer

Lesedauer: 5 Min
 Michael Roth
Michael Roth (Foto: Susi Weber)
Redaktionssekretariat

Das Leben von Michael Roth aus Weingarten war schon einmal ein anderes als es heute ist. Geschwindigkeit, Alkohol, Wutanfälle sind jene Dinge, die es bis vor sieben Jahren geprägt haben. Heute ist der 47-Jährige aus Weingarten ein anderer. Der Autor mehrerer Bücher ließ sich in der Kindertrauerarbeit ausbilden und will nun künftig „wieder eher in die stationäre Hospizarbeit“. Im Rahmen der Hauptversammlung der Hospizgruppe Kißlegg erzählte er seine Geschichte.

Mit dem Tod hatte Michael Roth, nicht verwandt oder verschwägert mit Rennfahrer Reinhold Roth aus Amtzell, schon einige Berührungspunkte. Eigene sowie auch durch andere. Geboren in Albstadt, „streng katholisch“ aufgewachsen in Reutlingen und Nusplingen, hatte Roth als Kind, bedingt durch einen Pfarrer, der mit der Hölle drohte „große Angst vor dem Sterben“. Mit 16 kam das erste Moped, später das erste Motorrad. Mit der Volljährigkeit hielten auch viele Feste und Alkohol in Roths Leben Einzug. Ab 20 wurden die Rennstrecken und der Geschwindigkeitsrausch seine Begleiter. Mehrfach wurde er Württembergischer Meister und Deutscher Langstreckenmeister. Dann kamen Hochzeit und zwei Kinder.

2007 folgte ein schwerer Rennunfall in Ungarn. Zwei Jahre später kam es auf dem Lausitzring zu einem seltsamen Erlebnis: „Ich habe mich gerade für ein Rennen fertiggemacht, wollte den Helm aufsetzen, da flog zunächst an meinen Hinterkopf und dann an meinen Anhänger ein Pfauenauge.“ Roth streckte den Finger aus, der Schmetterling reagierte: „Es war ein Gefühl wie ein leichter, aber angenehmer Stromschlag.“ Drei Tage später erfuhr Roth, dass etwa zu dieser Zeit ein 19-jähriger Freund, den er ein paar Wochen zuvor bei einem Lehrgang instruiert hatte, nach einem Motorradunfall verstorben ist. Auch bei der Beerdigung spielte ein Schmetterling eine Rolle. Roth: „Das Erlebnis hat mich komplett gedreht.“

Die frühere Aggressivität im Auto, die Wut, Schuldgefühle – alles war weg, sagt er. Zufriedenheit und Glück zogen in sein Leben ein: „In der Folgezeit habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken, Fleisch zu essen und mich zu beklagen.“ 2012 begann er eine Ausbildung zum Hospiz- und Trauerbegleiter, engagierte sich beim ambulanten Kinderhospizdienst Weingarten, leitete in den vergangenen drei Jahren in Ravensburg eine Kinder- und Jugend-Trauergruppe mit. Auch beim Tod der eigenen Großmutter machten Roth, seine Schwester und die Eltern weitere „Schmetterlings-Erfahrungen“: „Das sind Erlebnisse gewesen, die für mich kein Zufall gewesen sein können.“ Mit Inkarnation habe dies für ihn aber nichts zu tun: „Ich glaube aber, dass die Seele nach dem Tod frei ist und machen kann, was sie will.“ Die Tiere seien dabei „wie ein Untermieter.“ Künftig wolle er (ältere) Menschen im Sterben begleiten: „Es gibt viele, die wirklich alleine sind.“

Motorrad fährt er übrigens seit fünf Jahren nicht mehr. Und auch seinen Glauben an Gott hat Roth wiedergefunden. Wenn auch auf eine andere Art und Weise: „Ich glaube nicht, dass Gott personifiziert im Himmel sitzt und über die Menschen richtet. Ich glaube, dass er nur gut ist – und nicht wartet auf Fehler.“

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen