Springkraut bedroht Kißlegger Forst

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 Rechts die „saubere“ Fläche. Links ist die Fläche voller Springkraut.
Rechts die „saubere“ Fläche. Links ist die Fläche voller Springkraut. (Foto: Klaus Stützenberger)
Milena Sontheim

Klaus Stützenberger war zehn Jahre alt, als er zum ersten Mal das drüsige Springkraut gesehen hat. Hätte er damals gewusst, wie viel Arbeit es ist, den Befall einzudämmen, hätte er die invasiven Pflanzen schon vor 40 Jahren raus gerissen. Klaus Stützenberger ist eigentlich KFZ-Mechaniker, seit sechs Jahren hat er es sich jedoch zur ehrenamtlichen Aufgabe gemacht, Springkraut in Flächen rund um Kißlegg zu bekämpfen. Dieses und die kommenden Jahre nutzt er ein wissenschaftliches Experiment, um die Erfolgsquote dieser Maßnahmen zu zeigen.

Viele vorbeifahrende Autofahrer haben sich wohl seit Juni gefragt, was es mit dem tennisnetzartigen Zaun im Wald an der Rötenbacher Straße Richtung Wolfegg auf sich hatte. Der zwei Meter hohe Zaun gehört zum Experiment von Stützenberger und seinem Team. Zusammen mit seinem Helfer Armin Kohler aus Waltershofen und Robert Bauer vom Landschaftserhaltungsverband Ravensburg erfasst er seit Juni die Überlebensfähigkeit der Springkrautsamen und wie wirkungsvoll die Entfernung der Pflanzen ist.

Das Experiment funktioniert folgendermaßen: Die eine Seite des Zauns ist im Juni noch vor der Samenbildung komplett von Springkraut befreit und gesäubert worden, auf der anderen Seite der Fläche wurden absichtlich 130 Pflanzen pro Quadratmeter stehen gelassen. Die mit Gitterfolie ausgestattete Wand sollte verhindern, dass Samen auf die „saubere“ Fläche überspringen. „Im Sommer 2020 können wir dann statistisch erfassen, wie viele Samen aus 2018, die wir nicht entfernt haben, im Boden überdauert haben“, sagte Stützenberger. Weil die Samen mehrere Jahre im Boden keimfähig sein können, erwartet er keine absolut springkrautfreie Fläche kommendes Jahr.

Pflanze breitet sich sehr schnell aus

„Das Kraut ist wirklich eine Invasion“, sagte Stützenberger als er für dieses Jahr den Versuch in Burg bei Kißlegg beendet hat. Denn: Die Pflanzen breiten sich wahnsinnig schnell aus, weil die Samen bis zu fünf Meter weit springen. Das Gewächs wird bis zu zwei Meter groß und nimmt damit den Lebensraum und das Licht für anderen Pflanzen, erklärte Stützenberger. Für den Erhalt der Biodiversität ist die massive Verbreitung kritisch.

Der Förster Michael Fick, dem die Versuchsfläche gehört, hatte ebenfalls die Bedrohung des Gewächses erkannt. Umgeknicktes Springkraut hat junge Fichten zu Boden gedrückt, oder die Baumspitzen wachsen wegen zu wenig Licht doppelt. In Kißlegg seien neben der Versuchsfläche in Burg auch das Arisrieder Moos und das Burgermoos davon betroffen, sagte Robert Bauer vom Landschaftserhaltungsverband. Armin Kohler, der regelmäßig mit Freiwilligen in Waltershofen auf Springkrautjagd geht, bemerkt die Verbreitung ebenfalls im Waltershofener Wald. „Vor 30 Jahren gab es das Springkraut dort noch nicht. Heute ist es dominant“, sagte Kohler.

Erster Frost beendet Versuch

Da der erste Frost im November das Wachstum für diese Saison beendet hat, hat der Zaun seine Aufgabe für dieses Jahr erfüllt und wurde abgebaut. Das Experiment wird im Frühjahr 2020 fortgesetzt. Der Versuch sei nicht zufällig an einer stark befahrenen Straße aufgebaut. Denn: „Wir erhoffen uns damit öffentliche Aufmerksamkeit“, sagte Bauer. Sie wollen über die Bedrohung für den Forst aufklären und hoffen darauf, dass Interessierte bei ihnen Unterstützung holen und kleine Einzelbestände eventuell von Spaziergängern raus gerissen werden. „Die meisten Leute wissen mittlerweile wie Springkraut aussieht.“

Die Auswirkung des Klimawandels

Die Samen der einjährigen Pflanze verbreiten sich, sobald die Blütenkapsel explodiert. Tiere, Spaziergänger oder Räder von Forstmaschinen tragen diese dann weiter, sagte Stützenberger. Dort wo das aus dem Himalaya eingewanderte Springkraut auftaucht, vertreibt es die einheimischen Pflanzen wie Salbei, Minze, Wasserdost oder Weidenröschen und dringt in Naturschutzgebiete vor. Es wächst vor allem an Bach- oder Wegesrändern.

Die allmähliche Verschiebung der Jahreszeiten nützt dem Kraut zusätzlich, sagte Bauer. „Wenn es zu früh beziehungsweise zu spät Frost gibt, kann das Kraut länger reifen und mehr Samen produzieren.“ Der Klimawandel schaffe bessere Bedingungen für die Pflanze, sagte Bauer.

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